Alterhergebrachte Mythen und geheimnisvolle Sagen bestimmen bereits seit dem Debüt „Der Wanderer“ die textlichen Inhalte der ostdeutschen Black/Death Metal-Band RIGER. An diesem Konzept haben die Herren und die Dame bis heute festgehalten. Auf „Des Blutes Stimme“ finden sich einmal mehr Texte über Schlachten, Mythen und das Heidentum, die allesamt in unserer Muttersprache verfasst worden sind und jede Menge Spielraum für Interpretationen lassen. Dass bei RIGER die Texte offensichtlich eine sehr gewichtige Rolle zu spielen scheinen, wird im nachfolgenden Interview noch mal nachdrücklich von Sänger Ingo betont, der mir zu diesem und einigen anderen Themen Rede und Antwort stand...
Mit welchen Worten könnte man RIGER am besten charakterisieren?
Ingo: Der Charakterisierung RIGERs bedarf es eigentlich nicht vieler Worte. Vielmehr ist es zumindest unsere Intention, mögliche Eindrücke über die Musik zu transportieren.
Man sollte unbedingt das energische Streben nach Eigenständigkeit auf lyrischer wie musikalischer Ebene und den Ehrgeiz, der sich auch durch die Bereitschaft zur Geduld und der entsprechenden Schaffenspause auszeichnet, um den Reifeprozess der Kompositionen zu gewährleisten, nennen. Hinzu kommen Bodenständigkeit und die absolute Bereitschaft zum gedanklichen Diskurs mit interessierten Außenstehenden.
Was bedeutet "Des Blutes Stimme"? Wie kann man das interpretieren, bzw. wie lautet Deine Interpretation?
Ingo: Des Blutes Stimme“ ist ebenso persönlich wie auch allgemein aufzufassen. Persönlich ist der Titel des aktuellen Albums und gleichzeitig erster Song dessen, weil ein jeder angesprochen wird, die Stimme seiner Ahnen in sich zu hören und sein Handeln unter der Maßgabe starker Selbstreflexion und daraus resultierender Selbstbestimmung zu gestalten.
Im Allgemeinen könnte man des "Blutes Stimme" als Hymne auf die Freiheit des einzelnen Menschen bezeichnen, vernunftvoll zu denken und zu handeln, fernab von Zwang oder Unterordnung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit.
So offensichtlich und allseits anerkannt wie die Tatsache das in allen menschlichen Adern Blut fließt, sollte die Existenz des frei denkenden Individuums im Bewusstsein aller Platz finden.
Ihr bezeichnet Eure Musik selbst als "Heathen Metal". Durch was zeichnet sich im 21.Jahrhundert das Heidendasein aus, welche Werte sind Dir wichtig, was hältst Du für veraltet?
Ingo: Ich denke, dass das Heidendasein im 21. Jahrhundert von einem gewissen Moralempfinden geprägt ist, das dem über die Jahre voranschreitenden Verfall von Tugenden sowie dem Scheitern des religiös motivierten Wertebegriffs, durch Beständigkeit zu trotzen vermag.
Ich wage aber auch zu bezweifeln, dass sich die heidnische Moral, der Sache nach, signifikant von der religiösen unterscheidet. Ein wesentliches Kriterium ist dennoch die Unabhängigkeit des Heiden von einer ständig gepredigten Dogmatik, was ihn zu mehr Freiheit und Eigenverantwortlichkeit, und somit zur Resistenz gegen die eher häufige
Um die Moralpredigt komplett zu machen möchte ich natürlich auch einige dieser Werte nennen und dabei gleich anführen, dass frühere Überlieferungen aus meiner Sicht niemals als veraltet gelten, und somit einem entsprechenden Anachronismus nicht zugänglich sein sollten. Vielmehr sind sie, wenn schon nicht zu pflegen, jedenfalls zu berücksichtigen und nur im Zweifel, der rasanten gesellschaftlichen Entwicklung (gegebenenfalls) anzupassen.
Dem bisher Gesagten sei ausschließlich der moralische Wertbegriff zugrundegelegt.
Typisch germanische Tugenden waren Stärke, Treue, Freiheitsliebe und Stolz, für welche die Eiche als Sinnbild stand. In der Gegenwart stehen dazu die Tugenden der "Goldenen Regel" und der "Virtutes principiales", die, auch wenn sie auf viel frühere Epochen zurückgehen, noch immer Einzug in unser Denken und Handeln finden sollten und so mit den als "typisch" germanisch aufgeführten Werten korrespondieren.
Wie gehst Du mit Deinen Ansichten in Deinem alltäglichen Leben um?
Ingo: Diese Ansichten führen zu deren starker Berücksichtigung in der eigenen Lebensführung. Dies führt zu einer entsprechend spezifischen Individualität, die es aber in keinster Weise rechtfertigt, andere davon überzeugen zu wollen, ferner zu müssen.
Eure Songs sind sehr emotional geprägt. Welcher liegt Dir am meisten am Herzen und welche Message möchtest Du mit Deinen Texten generell vermitteln?
Ingo: Das ist "Des Blutes Stimme", der durch seine abstrakte Komplexität, in der Lage ist, Inhalt und Aussage des gesamten Albums, musikalisch wie lyrisch, widerzuspiegeln.
Die Texte sind kein Dogma. Sie sind lediglich eine Möglichkeit der gedanklichen Auseinandersetzung und der damit verbundenen Analyse der Musik als solcher.
In dem Song "Im Graun der Nächte" heißt es: "Lasst nicht rosten Eure Waffen, bleibt Germanen die Ihr seid, Nimmer lasst durch Schicksals Hass und Tücken, stolze Kultur blutleer sein". Was tust Du dafür, dass Deine Klinge "rostfrei" bleibt?
Ingo: Zunächst heisst es im Text: „stolze Kulte“ (hoppla - der Ver.). Dies bezieht sich auf das Bewusstsein der Ahnen. Es bedeutet Vergangenheit und Gegenwart in Beziehung zu setzen, aus eventuellen Fehlentwicklungen zu lernen. Mit Respekt und Interesse auf die mitunter zermürbenden Schicksale und das rauhe Leben der Vorfahren zurückzublicken und dabei nicht zu vergessen, wie komfortabel und sicher wir heutzutage leben können. Dennoch kennen auch wir Gefühle wie Angst und Zorn, Liebe und Hass, Leben und Tod, Schicksal und Hoffnung, die es gilt in unserer Musik und den Texten auszudrücken. Auch wir haben heutzutage alltägliche Schlachten zu schlagen und unser Handeln hin und wieder in Frage zu stellen.
Mit unserem Schaffen bieten wir jedem Empfänger die Möglichkeit der persönlichen Auseinandersetzung unter der Hinzuziehung eigener Empfindungen und historischer Bezüge. Dies ist ein möglicher Beitrag, dem eher schroffen Opfer der "rostfreien Klinge" zu dienen. Was die Verwendung entsprechender rhetorischer Figuren angeht, ist darauf hinzuweisen, dass diese in Anlehnung an ein Werk "Friedrichs II.", Eingang in die Lyrik RIGERs fanden.
Ferner schafft die Beschäftigung mit Geschichte und Kultur im Allgemeinen wie im Besonderen das Bewusstsein, gesellschaftliche Strömungen und Bewegungen erkennen und beurteilen zu können.
Wir alle sind mit den Zeugnissen deutscher und auch europäischer Kultur vertraut. Nachdem wir "Des Blutes Stimme" aufgenommen hatten, besuchten wir auf dem Heimweg die "Walhalla" im bayerischen Regensburg. Es war großartig durch die elitäre Grabkammer zu wandeln und diejenigen zu betrachten, die unsere Kultur mit geprägt haben.
Überdies sind wir begeistert, auch als Musiker die europäische Kultur um eine Facette mehr bereichern zu können.
Ingo: Der Song „Wjerewulf`“ erzählt im weitesten Sinne von Kriegern, welche im Wolfsgewand rasend und doch still, fast unsichtbar die Nacht zur Gefahr machen - uralte Überlieferungen, die später zum Werwolfsglauben wurden.
Durch Eure deutschen Texte ist es sicherlich bei uns zulande begünstigt, dass Ihr öfters missinterpretiert werdet und eventuell auch Leute ansprecht, die diese Texte auf Ihre eigene Art (fehl-)interpretieren. Bist Du sehr darauf bedacht, dass Ihr mit dieser stolzen Haltung auf die germanischen Geschichte nicht in eine rechte Ecke gedrängt werdet, bzw. sogar als politisch motiviert geltet?
Ingo: Wir verlangen von Niemandem, sich mit der germanischen Mythologie zu arrangieren oder diese zu verstehen. Jeder sollte für sich selbst entscheiden, ob ihm die Beschäftigung mit diesem Thema zusagt oder nicht. Allerdings sei dem vorurteilhaft Krirtisierenden jegliche Äußerung missbilligt, solange er nicht wenigstens den Hauch von Beschäftigung mit der Thematik erkennen lassen kann. Nicht nur unser näheres Umfeld ist bestens darüber informiert, dass wir politische Motive und entsprechende Kontakte für noch weniger als nötig erachten. Öfter bereiteten uns Leute Probleme, die eher mit Schmach versuchten, uns öffentlich zu diffamieren. Wir hatten aber auch schon Anfragen von studierten Interessierten, die unser lyrisches Konzept begrüßten und ihre eventuellen Zweifel an der Aussage, in gezielten, vor allem qualifizierten Fragen, auszuräumen versuchten und es auch konnten. Dieser gedankliche Diskurs ist uns sehr viel wert, zeigt sich doch, dass unsere Texte in der Lage sind, den jeweiligen Empfänger zu beschäftigen und sein Interesse zu wecken. Wir sind sehr bestrebt Zweifel und etwaige Missverständnisse auszuräumen.
Was strebt Ihr mit Eurer Musik an, was sind Eure Ziele?
Ingo: Eines unserer Ziele ist, durch unser Schaffen immer die eingangs erwähnten Charakterisierungsbegriffe zu repräsentieren. Weiterhin sind wir bestrebt, alle zahlreichen Ausdrucksmöglichkeiten, die die Beschäftigung mit einem Instrument oder mit Musik im Allgemeinen bietet, zu entdecken und natürlich auch für unsere Kompositionen auszuschöpfen.
Eure erste CD lautete "Der Wanderer". Ich gehe mal davon aus, dass es sich um eine Metapher handelt. Hast Du Dich persönlich schon auf Deine "Wanderung" begeben und welche Eindrücke hast Du bislang gesammelt?
Ingo: “Der Wanderer“ ist die schlichte Bezeichnung für "Heimdall", der sich unter dem Namen "Rig" als Wanderer von "Asgard" nach "Midgard" aufmachte und dort die Anfänge einer gesellschaftlichen Vielfalt begründet haben soll. "Der Wanderer" nimmt also vordergründig Bezug auf unseren Bandnamen. Doch auch die Musik auf dem Debütalbum kommt, ob zahlreicher "Stilbrüche", fast einer Gratwanderung gleich.
Insofern ist in diesem Fall also von einem philosophischen Motiv Abstand zu nehmen.“
Das ich da nicht selber drauf gekommen bin...
Harald Deschler
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