Uaaaah, ist das gestern bzw. heute spät geworden... Nachdem sich der Inder und der Dachs in der vergangenen Nacht die Visionen der Bestie im vollen Umfang gepresst haben, dazu das ein oder andere Bier getrunken sowie etwas Humus in die Lungen gezogen haben, ist es nun verdammt früh am Morgen, eigentlich zu früh, wenn man bedenkt, dass mich meine Zeitanzeige am Monitorrand gerade daran erinnert, dass es jetzt 10.51 Uhr ist und ich erst so gegen halb fünf in meinen Dachsbau gegangen/gekrochen/geflogen bin... Und um 10.00 Uhr wollte ich doch bei EXODUS im Studio durchklingeln, was ich, um es vorwegzunehmen, tatsächlich geschafft habe. Auch wenn es am anderen Ende der Leitung nicht unbedingt die Uhrzeit hatte, wie ICH sie ausgerechnet hatte. Soll heißen, dass ich auf meinem Speditionstaschenrechner flockig umgerechnet habe, dass es bei denen jetzt ca.19.00 Uhr ist, kurz vor der Prime Time also, optimal für ein Gespräch mit Gary Holt. Nachdem sich jedoch nach dem Freizeichen eine verdammt verschlafene Stimme am anderen Ende der Welt meldet, die Steve Warner (Manager der Band –der Verf.) zu gehören scheint, bin ich doch etwas perplex...

Chillen die denn schon um 7 Uhr abends? Nein, dafür um 1 Stunde nach Mitternacht, was man in Kalifornien jetzt tatsächlich hat, worauf mich der trotzdem freundliche Steve hinweißt. Umpf. Also doch 9 Stunden zurück, nicht vor –Fuck! Wer hat hier bitte an der Uhr gedreht??

 

Während ich mich noch über meine Unzulänglichkeit ärgere, kommt auch schon ein recht verpennter Gary Holt ans Telefon geschlappt, der mich mit einem „Wow, Du hast Dir eine verdammt gute Zeit ausgesucht, wir sind gerade fast im Studio eingeschlafen und wollten jetzt nur noch in unsere Betten!“ begrüßt. „Aber wo Du doch schon mal anrufst...“, gähnt es des weiteren durch den Hörer. „So, here we go....”, womit der Startschuss für das Interview gefallen ist!!

“Wir sind noch bis zum 21. Juni im Tsunami recording studio(aus dem auch die Fotos im Interview stammen, die Manager Steve am nächsten Tag extra für uns geschossen –Anm. des Verf.) , hier in Moss Beach, Kalifornien. Momentan nehmen wir gerade noch die Gitarren auf, das ist unheimlich stressig, aber das Ergebnis wird euch alle umhauen! Das fertige Album wir dann am 1.Oktober in den Läden stehen.“, lässt mich Gary wissen. „Ich habe jetzt für die ersten 3 Songs die Gitarren aufgenommen, und auch die Drums sind soweit im Kasten, dass wir heute eventuell anfangen können, den ersten ganzen Track in Angriff zu nehmen. Das Album wird übrigens „Tempo of the damned“ heißen...“ Ein wirkliches Konzept scheint es hierfür nicht zu geben, auch wenn der Titel etwas in die Richtung vermitteln könnte. „Nein nein, ein Konzept gibt es nicht wirklich... Violence ist das Konzept, hahaha.“ Mit einem „Es wird ohne Zweifel ein Album, dass mehr den Spirit von „Bonded by blood“ besitzt als alle Alben, die dazwischen rausgekommen sind! Das Material ist schon jetzt für mich etwas vom besten, was wir jemals gemacht haben!!“, legt der EXODUS-Gitarrist die Meßlatte verdammt hoch. Auch nicht ganz uninteressant ist im Falle EXODUS die Frage nach dem momentanen Line-up, welches dieses (hoffentliche) Meisterwerk einzimmern wird, speziell ein gewisser... „Steve Souza“, äh, ist in dem Fall also doch dabei... „Tom Hunting, Rick Hunolt, Jack Gibson and myself!“; damit ist meine Frage also zur vollen Zufriedenheit beantwortet! „Jack Gibson, unser „neuer“ Bassist, ist nun auch schon seit 5 Jahren in der Band und „Zetro“ ist auch reanimiert...“ Wieder mal. Hoffentlich ist er auch noch in der Band, wenn EXODUS im Oktober die deutschen Clubs zerlegen werden. „Definitiv. Es könnte momentan nicht besser laufen, wir sind wirklich sehr zufrieden in dieser Konstellation und ich sage mal, Steve ist zu 99 % auf der Tour dabei, hahaha...“

 

Dennoch bleibt da immer noch dieses eine Prozent Restrisiko, welches gerade auch in der Vergangenheit schon zu dem ein oder anderen Split zwischen EXODUS und Zetro geführt hat, was laut Gary an folgenden Umständen gelegen haben mag.
„Es gab da eine Menge Dinge, die darauf Einfluss hatten. Zum einen hatte da auch seine private Situation etwas damit zu tun, zum anderen hat er auch einen sehr guten Job, bei dem er eine Menge Kohle verdient, wesentlich mehr, als er jemals in seinem Leben im Rockbusiness verdienen könnte.

Er brauchte ab und an einen Time-out von der Arbeit, aber auch von der Band, da ihm viele Dinge über den Kopf gewachsen sind.“ Dann wird mein Gegenüber auch etwas deutlicher „Es gab auch einige Probleme unter den Bandmitgliedern, die auf den Gebrauch und Missbrauch von Drogen zurückzuführen waren, meine Person mit eingeschlossen. Als wir aus Europa zurückgekommen sind, habe ich für mich entschieden, dass ich mich wieder auf das Wesentliche konzentrieren sollte, auf die wichtigen Dinge im Leben, wie z.B. diese Band hier anzuführen. Und daher bin ich seit 7 Monaten völlig clean und trocken! Ich habe für das Songwriting für dieses Album hier nur ein viertel der Zeit gebraucht, als es zuvor der Fall gewesen ist, da ich dieses Mal einen klaren Kopf hatte und auch wirklich produktiv arbeiten konnte. Und ich kann heute auch nachvollziehen, warum Steve von diesem ganzen Scheiss seine Auszeiten brauchte und er erkannt hat, dass es wichtigere Dinge gibt und dass es auch Menschen gibt, die sich auch Sorgen um deine Gesundheit machen.“

Auch Gary scheint nun ein fürsorglicheres Leben als früher zu führen, hat er seine viele Freizeit in den langen EXODUS-Pausen doch eher für familiäre Aktivitäten genutzt, statt in einem Sumpf aus Drogen zu waten. „Ich bin jetzt abseits von EXODUS einfach nur ein Familienvater, der seine Zeit gerne mit seinen Kindern verbringen möchte. Dann habe ich meine Scheidung über die Bühne gebracht und alle Streitigkeiten mit meiner Ex-Frau aus der Welt räumen können, was dazu geführt hat, dass wir heute wieder zumindest gute Freunde sind. Die Kinder sind jetzt natürlich auch glücklicher, wenn zuhause nicht mehr die Fetzen fliegen und sich alles relativ normalisiert hat. Ich habe die Zeit einfach genutzt, um mich mit mir selbst auseinander zu setzen und ein guter Vater zu sein.“ Auch das Tourleben kann der Familienvater gut mit seinen privaten Aktivitäten vereinbaren. „Wir hatten mit EXODUS schon immer das Privileg, selbst zu entscheiden, wann und wie lange wir auf irgendeine Tour gehen. Und ich habe auch kein Interesse mehr daran, 3 Monate nonstop unterwegs zu sein, da nehmen wir uns einfach nach einem Monat eine 2-3 wöchige Auszeit und dann touren wir halt weiter. Wir müssen nicht wie eine neue Band ein halbes Jahr lang rausgehen, um unseren Namen Publik zu machen, die Leute kennen uns schon, oder sollten uns zumindest kennen, haha.“

Bis man EXODUS allerdings über die kalifornischen Grenzen hinaus bekannt machen konnte, mussten auch die Piranhazüchter einige Hochs und Tiefs durchstehen. Wo die genau lagen, versucht Gary zu erörtern. „Also zu den Highs in meiner Karriere gehören für mich auf jeden Fall die Tour mit Venom in Europa, dann natürlich auch das Gefühl, als wir unser erstes Album draußen hatten. Wir haben in unserer Geschichte mit sehr vielen unserer persönlichen Helden die Bühne teilen dürfen, was mich sehr stolz macht. Dann haben wir schon im Hammersmith Odeon in London gespielt, wo wir uns vorkamen wie Schakale, die in einen Hühnerstall eingesperrt wurden, hahaha. Auch sehr cool war die Headbanger´s Ball-Tour 1989 hier in den Staaten...-ich meine, jeden Tag, den wir mit der Band verbracht haben, vom ersten Tag bis heute, dafür bin ich sehr dankbar, dass ich diese Zeit erleben durfte und noch immer erleben darf. Seit Anfang des Jahres ist mir das auch so richtig bewusst, seit mein Kopf etwas klarer ist, clean von dem ganzen fuckin´ Speed... Ich bin eigentlich schon glücklich, überhaupt zu leben!“

Aber natürlich gibt es nicht nur die Sonnenseiten im Leben, auch nicht bei EXODUS...

„Die fuckin´ Lows waren mit Sicherheit die Capitol-Alben („Impact is imminent“ & „Force of habit“ –der Verf.), mit denen wir uns an die abgefuckte Majorindustrie ausgeliefert haben.“

Ausgeliefert sah man sich auch einem gewissen Conrad Lant aka Cronos, an den sich Gary nur allzu gern mit einem Grinsen, dass sogar durch den Hörer deutlich zu sehen ist , erinnert. „Als wir auf der Tour mit Venom durch Europa zum ersten Mal aufeinander trafen, standen wir wie versteinert vor Cronos und waren alleine von der Tatsache überwältigt, dieser Legende face to face gegenüber zu stehen. Als wir da so angewurzelt vor Cronos stehen, ist seine Reaktion darauf nur: „Hey, was seid ihr für fünf kalifornische Bleichgesichter? Wieso schaut ihr so blöd? Verpisst euch!“ Ich sagte ihm, dass wir seine Vorband wären und wir keinen Trouble mit ihm wollten, woraufhin Cronos nur meinte, wir sollten erst mal beweisen, dass wir die Balls dazu haben, mit ihm auf Tour sein zu dürfen. Scheinbar haben wir das im Laufe der Tour bewiesen, denn er hat ab und zu sogar mit uns geredet, hahaha!“

„Weißt Du, was mein großes Ziel mit der neuen Scheibe ist?“, fragt mich Gary neugierig.

„Wir werden ja schon im Oktober mit einem sehr starken Package zu Euch kommen, was natürlich auch schon klasse ist. Aber wir wollen mit dem neuen Album im Gepäck auch noch einmal zusammen mit Venom auf Tour gehen!“, lässt er die Bombe platzen.

 

Meine Befürchtung, dass Venom wohl nie mehr den Arsch hochkriegen werden, um eine ganze Tour zu fahren, entgegnet Gary mit einem einleuchtenden und zugleich hoffnungsvollen Zusatz. „Yeah, aber wir haben mit dem Manager von Venom geredet, der uns diese Idee überhaupt erst unterbreitet hat! Er ist noch ein Stück weiter gegangen. Ihm schweben zur Komplettierung dieses Packages noch Slayer vor...“

Schööön, wenn ich das noch einmal miterleben dürfte, möchte ich anschließend vor Ort bestattet werden!! Nichtsdestotrotz interessiert mich natürlich auch, ob mein Gesprächspartner überhaupt noch das nötige Interesse an der Band Venom aufbringen kann, schließlich ist die Zeit auch in England die letzten Jahrzehnte nicht einfach stehen geblieben. „Well, ich habe nicht alles mitverfolgt, aber was ich bislang aus dem letzten Album gehört habe, hat mir echt gut gefallen, das war auf jeden Fall verdammt fettes, arschtretendes Material, auch wenn das natürlich meilenweit von ihren Erstwerken entfernt ist. Aber sind wir doch ehrlich, wohin soll sich eine Band entwickeln, die ein Album wie „Black Metal“ rausgebracht hat? Man wird so eine Band immer an diesem Werk messen, aber obwohl klar ist, dass man so was nicht noch einmal erwarten darf, wird alles, was diese Band auch 20 Jahre später rausbringt, noch mit diesem Album verglichen. Uns geht das nicht großartig anders, nimm die „Bonded by blood“, dass ist quasi unser „Black Metal“, auch wenn ich natürlich nicht so vermessen sein will und diese beiden Scheiben gleichsetzen möchte, dafür habe ich viel zuviel Ehrfurcht vor Venom! Aber egal was wir rausbringen und wie gut es ist, es muss immer erst die „Bonded by blood“-Vergleiche durchlaufen, um dann natürlich nie diesen Status beigemessen zu bekommen wie damals unser Debüt. Ich kann das aber auch ein Stück weit nachvollziehen, schließlich ist für mich „Black Metal“ auch ein heiliger Gral des Heavy Metal! Als ich das Album als Kid zum ersten Mal hörte, war das eine völlig neue Welt, später hat sich für mich nie mehr etwas krasser angehört. Diese Magie ist einzigartig.“

„Tempo of the damned“ soll in punkto Magie da noch weiter gehen als „Bonded by blood“, sogar noch viel weiter, wie mir ein völlig überzeugender Mr.Holt versichert. „Die Leute werden vergessen, dass es überhaupt je einmal ein anderes Album von überhaupt einer anderen Band gegeben haben wird! Das wird das einzigste Album werden, dass jemals existiert hat! Das Teil wird das zerschmetternste, brutalste, aggressivste und schwerste Album werden, dass wir jemals kreiert haben!!“

Tja, Bescheidenheit scheint nicht unbedingt eine von Holts Tugenden zu sein, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass EXODUS nicht ausschließlich Killer von der Leine gelassen haben, worauf wir natürlich unweigerlich auf die „Force of habit“ zu sprechen kommen, die sich ja alles andere als nahtlos an die unantastbaren Vorgänger eingereiht hat und nicht nur von mir wird dieses Album als nicht wirkliches Exodus-Album gehandelt, was auch Gary ähnlich sieht. „Ja, ich verstehe perfekt, was Du meinst. Das geht einigen Leuten so, die sich mit dem Midtempo-Material nicht wirklich anfreunden konnten, zumal wir ja fast das ganze Album hindurch keine schnellen Parts haben. Ich mag einige der Songs wirklich, da ich es eher aus der Sicht des Gitarristen sehe, dem es eine Menge Spaß gemacht hat, das Material einzuspielen und ich finde es auch verdammt heavy. Aber es ist in der Tat nicht unbedingt das, was man von uns erwartet, denn die Leute wollen sich lieber von uns die Rübe abmontieren lassen. Aber ich kann dir sämtliche Zweifel nehmen, was das neue Album anbelangen wird, denn das hat mein Herz schon jetzt, ohne das es überhaupt ansatzweise fertig ist, im Sturm erobert und es löst in mir ein zuversichtlicheres Gefühl aus, als es bei jedem anderen Exodus-Album jemals zuvor der Fall war. It’s just heavy. It’s not Linkin Park. It’s not Blink 182. It´s fuckin´ Exodus!!”

Um trotzdem noch bei dem ungeliebten Kind zu verweilen, würde mich natürlich auch interessieren, wo die Intention lag, ein solches Album aufzunehmen, was man mir recht simpel und nachvollziehbar beantwortet. „Es gab keine besondere Intention für das Album,  ich denke niemals vorher darüber nach, was ich schreibe. Musikalisch war es einfach das, was wir zu dieser Zeit gefühlt haben, dass wir gerne ein Album mit fetten Powerchords und Grooves aufnehmen wollten. Es spiegelt das wieder, wo wir uns musikalisch befanden.“

Vor 3 Jahren hat bekanntlich Chris Barnes mit seinen SIX FEET UNDER den Exodus-Klassiker „Piranha“ gecovert (zu hören auf „Graveyard Classics“ –der Verf.) und hat natürlich auch dadurch den Namen EXODUS wieder ins Spiel gebracht, die zu diesem Zeitpunkt noch irgendwo zwischen „die haben sich aufgelöst“ und dem „vielleicht gibt es sie ja doch noch“-Stadium getummelt haben. Da fragt man sich natürlich, inwiefern das Feature aus Florida hilfreich für die Wiedergeburt des Kalifornier war. „Oh, I don´t know, ich habe mittlerweile ein wenig Kohle dafür gesehen, insofern war es sicherlich hilfreich, hahaha!“

Ihr habt in der Tat Geld bekommen? „Wir haben uns wegen der Kohle schon gemeldet, keine Sorge, haha. Ernsthaft, ich finde es cool, dass sie den Song gecovert haben, dass zollt uns ja natürlich auch Respekt, was wir gemacht haben und je mehr unsere Songs gecovert werden, desto besser ist das für uns und desto geehrter fühlen wir uns. Ich sehe es einfach als Kompliment und finde ich ihre Version von „Piranha“ auch super!“

Wobei sich die Sympathien zu SFU auch auf das musikalische beschränken dürften, auf persönlicher Ebene fühlt man sich im Hause EXODUS doch eher angepisst...

„Ah, Du spielst auf die Situation mit unserem Basser an? Ich meine, ich mag die Coverversion, ich mag die restliche Band aber es ist doch etwas seltsam, wenn Du von jemandem einen Song coverst, mit dem Du dann auch noch zusammen auf Tour bist und der dann keine Anstalten macht, mal zu Dir rüberzukommen um mal Hallo zu sagen. Als ich einen Song von VENOM gecovert habe und das erste Mal in meinem Leben eine Show mit VENOM gespielt habe, war die erste Sache, die mir am Herzen lag, die Band zu treffen! Einfach zu fragen, ob sie es gehört haben, ob sie es mögen, etc. etc., das ganze normale eigentlich. Was in diesem Fall passiert ist war, dass nach unserer ersten gemeinsamen Show zusammen mit SFU unser Basser Jack backstage Chris Barnes über den Weg gelaufen ist und er ihm sagte: „Hey man, good show!“. Chris drehte Jack den Rücken zu und lief einfach weg! Die restliche Band war wirklich schwer in Ordnung, aber wo Barnes sein Problem ist, werde ich wohl nie verstehen. Vielleicht hat er es nicht gecheckt, dass es unser Basser war und dachte, da ist nur wieder einer, der ihm sagen will, wie toll er doch ist, ich habe keine Ahnung. Er kam auch nie aus seinem Bus heraus, um mit den anderen ein wenig abzuhängen, aber im Endeffekt ist mir der Typ auch scheissegal. Aber alle anderen Bands waren wirklich genehm unterwegs, besonders mit meinen neuen besten Freunden von Marduk hatte wir eine Menge Spaß im Bus, inklusive den restlichen Jungs von SFU. Wer weiß, vielleicht hatte Barnes auch nur keine Lust bei uns aufzukreuzen, weil wir zu diesem Zeitpunkt noch keinen lausigen Cent für „Piranha“ gesehen haben, hahaha. Wir haben ihm sogar anbieten lassen, dass er bei uns zu „Piranha“ auf die Bühne kommt und wir den Song zusammen spielen, aber er hat sich nie blicken lassen. Die einzigsten Momente, in denen ich ihn gesehen habe, war während ihrer Show, danach war er wieder zurück in seinem bekackten Bus. Aber gut, es gibt solche und solche Menschen, manche sind etwas verschlossener, andere suchen lieber den Kontakt, wie z.B. meine Person. Ich rede gerne mit den Leuten, mit denen ich auf Tour bin und mit unseren Fans, weil mir dieses Kommunikationsforum einfach wichtig ist.“

Beim Stichwort Coverversionen interessiert mich auch, ob Gary überhaupt einen Überblick darüber hat, wie viele Bands schon Songs von ihnen gecovert haben. „Puh, ich habe ehrlichgesagt keine Ahnung. Meine Freundin hat mir neulich eine Version von „Bonded by blood“ vorgespielt, von Norwegen war die Band glaube ich, aber ich kann mich nicht mehr an den Namen erinnern... Jedenfalls war die Version quasi identisch mit dem Original, alles hat sich genau wie damals angehört, einen fuckin´ good job haben die Jungs da erledigt.“

Mit MY DARKEST HATE kann mein Gesprächspartner allerdings nichts anfangen. „My darkest what? Welchen Song haben die gecovert?”, so beginnt unser kurzzeitiger Rollentausch.

„Brain dead“, der ist auf ihrem aktuellen Album „To whom it may concern“ drauf.

„Wie ist die Version und was für ein Style?“ Die Version ist sehr heavy und finster, der Style ist Death Metal! „Das hört sich gut an! Würdest Du mir vielleicht eine Kopie der CD schicken?“ Klar, kann ich machen, dafür zahlst Du mir aber ein Bier auf der „Bonded by Metal“-Tour!! „Okay, das hört sich fair an, hahaha!“

„Ich finde es gut, wenn andere Bands diesen Song noch spielen, da ich selber diesen Titel nie wieder spielen werde, aus Respekt vor Paul. Bevor Paul starb, war er zuerst klinisch gesehen „Brain dead“, diese Art der Ironie würde nur jedes Mal bei mir schlechte Erinnerungen an Paul wachrütteln, daher wird es den Song von uns nicht mehr zu hören geben.“

Womit wir eigentlich bei einem tragischen, aber auch unausweichlichen Thema angelangt wären, da Paul Baloffs Tod nicht nur bei seinen Fans, sondern natürlich auch bei seinen „blutsverbundenen“ Brüdern tiefe Wunden hinterlassen hat. Nachdem der 42-jährige Frontmann am Donnerstag, den 31.Januar 2002 einen massiven Schlaganfall erlitten hatte, wurden aufgrund der starken Gehirnschäden am Samstag, den 2. Februar, die lebenserhaltenden Maschinen abgeschaltet. Auf Wunsch der Band und seiner Freunde fand am 12.Februar 2002 eine öffentliche Gedenkfeier in San Francisco statt, bei der etliche Menschen teilgenommen haben, die ihm auf diesem Weg noch einmal Tribut zollen wollten.

Die Ironie des Schicksals wollte es auch bei Paul, wie bei etlichen anderen verstorbenen Personen, dass ihm erst nach seinem Ableben der ewige und unantastbare Kultstatus zugesprochen wird, einer Person, die zu Lebzeiten einige Jahre als Obdachloser auf der Strasse (über)leben musste, weil es die Zeit nicht immer gut mit ihm gemeint hat. Nun gibt es Paul Baloff-Erinnerungsshirts und das schon so oft erwähnte „Bonded by blood“-Album dürfte verkaufstechnisch noch immer seinen zweiten, dritten und vierten Frühling feiern.

„Ja, ich weiß was Du meinst. Aber wenigstens bekommt er nun endlich seine längst verdiente Aufmerksamkeit, die ihm zu Lebzeiten von einer breiteren Masse verwehrt blieb. Ich meine, Paul´s Legende wächst noch immer weiter und die Erinnerungen an ihn werden auch nie sterben! Mehr als jeder andere auf der Welt glaubte er an den echten Metal, er hat ihn 24 Stunden am Tag wirklich gelebt! Wenn er sagte, „Kill a poser!“, dann haben die Poser angefangen zu schwitzen. Es war ihm wirklich ernst, und daran hatte niemand ein Zweifel. Natürlich hat er keinen Poser umgebracht, aber wenn er es gesagt hat, wusste man nie, ob er es nicht doch einmal tun würde, hahaha. Es ist gut, wenn die Leute das nicht vergessen, er war ein Metal God und ist es für mich noch immer, ich vermisse ihn wirklich. Jeden Tag. Und jetzt, wenn ich über ihn rede, vermisse ich noch mehr als sonst...“

Eine Anekdote über Paul fällt ihm gerade nicht ein, bzw. es schwirren ihm im Moment zu viele Erinnerungen an ihn im Kopf herum, was meinen Gesprächspartner hörbar belastet, daher wollte ich einen Themenwechsel ins Spiel bringen, als er dann doch noch ein von mir genanntes Stichwort aufgreift und loslegt.

„Meine erste Begegnung mit Paul? Shit, daran kann ich mich noch genau erinnern! Der Kontakt hat sich eigentlich über Kirk Hammett aufgebaut. Wir haben damals auf so einem Outdoor Festival gespielt, als nach der Show Kirk zu mir meinte, dass da ein ziemlich abgefahrener Typ im Publikum steht, der von sich behauptet, er wäre der perfekte Sänger für EXODUS. Ich habe Paul an diesem Tag noch nicht kennen gelernt, allerdings gab im Kirk eine Visitenkarte von uns und Paul tauchte auch bald darauf in unserem Proberaum auf, um mit uns ein paar Songs zu zocken. Die Chemie stimmte eigentlich sofort, wir haben verdammt schnell festgestellt, dass der Typ einfach ein sick Motherfucker ist, der den Metal lebt und atmet und isst! Scheisse Mann, dass musste einfach der Fronter für EXODUS werden –und der Rest ist Geschichte!“

An seine eigenen Anfangstage mit der Band kann er sich auch noch entsinnen. „Meine persönliche aller erste „richtige“ Show war lange bevor Paul in die Band kam. Tom hat damals noch gesungen, wir haben fast ausschließlich Covers gespielt. Es war eine Neujahrsparty, die wir selbst organisiert hatten und dieser Event war regelrecht vom Alkohol durchtränkt. Das ganze fand im Monterra Bay Community Center statt und wir spielten Songs von Iron Maiden, Judas Priest, Def Leppard und was weiß ich noch alles... Die Show war ein echter Killer, den ich immer im Gedächtnis behalten werde...“

Auf meine Frage hin, ob er sich auch vorstellen könnte, dass EXODUS heute genauso im Focus der Metalfans stehen würden, wenn Paul noch am Leben wäre, kann sich Gary sogar sehr gut vorstellen. „Ich könnte mir das durchaus vorstellen, ja. Wir haben ja bereits angefangen das Album zu planen, noch bevor Paul starb. Und wir hätten es wahrscheinlich auch mit Paul einspielen können. Es ist traurig es so sagen zu müssen, doch das bandinterne Drogenproblem verhinderte, dass wir mit Paul noch dass Album aufnehmen konnten. Er musste uns viel zu früh verlassen, weil wir, also Paul und ich, aber auch Tom und Rick und später auch Jack, also alle zusammen, von diesen Drogen im Griff gehalten wurden. Zuviel Energie floss in Dope anstatt in EXODUS.“

Dafür sind Gary Holt und seine Kollegen heute vollkommen clean, was er mir an dieser Stelle noch mal nachdrücklich versichert und seine Wünsche für die Zukunft sehen folgendermaßen aus: „Ich freue mich auf den Tag, an dem „Tempo of the damned“ erscheint, ich möchte meinen Arsch sobald wie möglich wieder auf die Straße bewegen und so viele Leute wie möglich crushen. Und ich möchte mich auch weiterhin wie ein 18jähriger fühlen, wie ich es jetzt im Moment noch immer tue. Ich fühle mein Alter wirklich nicht und ich bin jetzt 39!“ 

 

Checkt auch mal die neue Homepage von EXODUS, die da lautet: www.exodusattack.com und kauft Euch das neue Album, wenn es in den Läden steht!

 

Harald Deschler