Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf mich an jenem Mittwoch der Anruf aus dem Dachsbau. Dascho, den viele unter Euch auch als General kennen, teilte mir via der legendären Standleitung Netjok-General mit, dass wir diesem Abend nicht nur einfach so nach Ludwigsburg fahren werden um uns DEICIDE anzusehen. Nein, viel spektakulärer: von Sarah (with love) wurde dem Dachs mitgeteilt, dass uns Glen Benton kurzfristig nun doch noch zu einer Audienz empfangen möchte. Oder soll. Je nachdem. Auf jeden Fall hatten wir ein Date mit Glen. Glen Benton.

Das metallische Kollektivgedächtnis hat jenen Meister wohl seit jeher als, na ja, sagen wir Mal, obskure Persönlichkeit in Erinnerung. Selbst zu Zeiten, als wir noch vom Evil-Faktor

eines Ozzy Osbournes oder Alice Cooper überzeugt gewesen sind (ich war so um die 14), war der Name Glen Benton jedem ein Begriff. Hat man damals gerade auch des öfteren die „Metal“-Seiten der Bravo verschlungen (heimlich, ohne es jemals zuzugeben), wurde man immer wieder mit der Manifestation des Bösen konfrontiert. Deicide und ihr Frontmann waren Härte und imagetechnisch eine ganz andere Dimension, die man damals mit einem Horizont, der spätestens bei Slayer abrupt sein Ende nahm, sowieso nie verstanden hätte.

Also beschränkte man sich auf das zur Kenntnis nehmen einer Band, mit der man aber nichts zu tun haben wollte. Kranke Arschlöcher. Perverse Spinner. Das sind noch die harmloseren Einschätzungen gewesen. Man war überzeugt, dass das, was z.B. bei Ozzy offensichtliches Image war, dieser Glen Benton todernst meinte. Und wirklicher Satanismus und offener Aufruf zum Selbstmord? Nein Danke!!! Da steckte die Sozialisation im christlichen Gutmenschentum noch zu tief in uns drin.

Durch die damals sehr aggressive „Aufklärungskampagne“ diverser Privatsender, die von Kiss über Gwar bis Paradise Lost alles dem Teufel zuschoben, hat man natürlich auch gerne mitverfolgt. Schließlich war man ein Teil der dort verurteilten Subkultur.

Und von Explosiv und seinen geistigen Brüdern erfuhren wir, dass Glen Benton es im Gegensatz zu Venom z.B. total ernst mit dem Satanismus nimmt und auch gedenkt, mit 33 durch seine eigene Hand seinem Dasein ein Ende zu setzen.

Nein, gegen diese Mythen und Legenden waren selbst die „krassen“ Cannibal Corpse und Carcass nur noch Witzfiguren.

Wir wurden älter. Deicide wohl auch. Glen Benton feierte natürlich auch seinen 34. Geburtstag. Immer wieder veröffentlichten sie Platten und machten Schlagzeilen in diversen Publikationen. Doch je sicherer einem das Terrain in der Metalszene erschien, desto weniger war man von der Evilness eines Glen Benton überzeugt. Alles Show. So war der Tenor mittlerweile, wenn es um Deicide ging. Trotzdem hatte man dabei immer im Hinterkopf, dass sich dieser Typ wirklich ein umgedrehtes Kreuz in die Stirn brennen lies.

Das war irgendwie schon sick. Doch im Zeitalter von Bandpsychosen wie Burzum, Dissection oder Mayhem konnte man über so einen Ami-Redneck eigentlich nur noch lachen. Ja gar sympathisch lächeln und ihm zu seiner gelungenen Selbstdarstellung gratulieren.

Das Denken war ja mittlerweile auch wesentlich differenzierter, von psychologischen und sozialtheoretischen Thesen „unwesentlich“ geprägt. So neigte man schnell dazu, zu denken, dass Benton die banale Antithese zum Mc Donalds-Christentum der Amis ist und dieses durch eine unbewusste Identifikation mit dem „Aggressor“ in dessen paranoiden „Gut-Böse“-, „Heaven vs. Hell-“, „Christ against Antichrist-“ Konstrukten eigentlich nur stützt.

Würde es aber um den wahren Gott der Amis, also den Kapitalismus und seine imperialistische Armee gehen, wäre Benton mit Sicherheit auf einer Welle mit irgendwelchen Bible Belt-Idioten. Ein etwas modifiziertes Bild über den guten Glen also.

Dann gab es da natürlich immer schon den Mythos, dass Benton ein äußerst schwieriger Interviewpartner sein soll. Immer wieder war zu lesen, dass er bei falschen Fragen Interviews abbrach und Journalisten auch mit Prügeln drohte. Angesichts seiner nicht gerade zimperlichen Erscheinung und seinem wohl vorhanden Gewaltpotential war diese Figur auf ihre Art wieder zu einer Bedrohung geworden, zumindest für alle Schreiber.

Was seinen Sound anbelangte, dass aber nur nebenbei, hatte er bei mir längst Gottstatus erlangt. Besonders das Debut und „Inseratehymn“ sind für mich auch im starken US Death Metal wirkliche Klassiker. 

Dann las man wieder in Interviews geführt von Personen, die das nötige Fingerspitzengefühl mitbrachten, dass er ein sehr naturverbundener Mensch sein soll, bei Wahlen die in Amiland nicht sonderlich starken Grünen unterstützt und obendrein sich sehr gerne auch mal zuraucht.

Ihr seht, vier Hauptbilder von einer Person. Sie scheinen sich zu widersprechen und doch auch gegenseitig zu erklären. Oder ist etwa alles nur Nonsens? Sowohl der knallharte Satanist, als auch der True American Patriot und der mitfühlende Familienvater, der ein Herz für Mensch und Tier hat? Und was war mit dem Journalisten-Basher?

Unsere Mission an jenem 20. 11. lag darin, genau dies herauszufinden.

Als der Dachs und ich gegen 18 Uhr 20 das Allgäu Richtung Ludwigsburg verlassen, war die Stimmung im Auto zwiespältig: einerseits waren wir uns der Bedeutung unserer Exkursion bewusst. Wir würden Sphären betreten, die selbst im Leben von gestandenen Metal- Schreibern nicht gerade alltäglich sind. Andererseits spielte eine gewisse Anspannung und Unsicherheit keine unmaßgebliche Rolle. Wie würde er wirklich sein? Das große Tier, das uns die Kehle durchschneidet, wenn wir im richtigen Moment die falsche Frage stellen? Ein introvertiertes Wesen, welches nur yes oder no von sich geben wird? Wir wussten es nicht. Deshalb überspielten wir unsere Ungewissheit mit Benton-Jokes und gaben ihm absurde Namen wie „Daisy Duck“. Meine Person hatte aufgrund der spontanen Bekanntgabe des Interviews keine Zeit mehr gefunden, sich großartig Fragen zu überlegen. Der Dachs war gut vorbereitet. Er hatte sich um die 20 Dinger für den Deicide- Frontmann ausgedacht.

Angekommen in der ROFA, sah es erst mal so aus, als würde alles platzen. Keine Gästeliste. Niemand eine Ahnung von irgendwas. Da der Dachs jedoch sehr professionell und Business bewandert auftritt, ist der Kontakt zum Tourmanager schnell geknüpft. Und kurze Zeit später steht fest, dass wir dabei sind...

Der Gang zum Backstageraum, welcher sich im ROFA- Kickerraum befindet, hat etwas von „The green mile“. Ein folgenschwerer Gang, jedoch mit offenem Ende und ohne gewissen Ausgang. Selbst das im Vorbeigehen wahrgenommene „DER GENERAL!!!!“ von einem gewissen Andreas R. verpuffte angesichts der Brisanz.

An der Bar sitzt ein Hüne von einem Mann. Sein Erscheinungsbild gleicht dem eines klassischen Bikers. Der Harley Schriftzug auf seinem Rücken unterstreicht dies nur zusätzlich.

Der Manager bewegt sich zielstrebig auf die Gestalt zu. Selbige nimmt einen kräftigen Schluck aus seiner Jack Daniels- Flasche. Im Hintergrund beginnen Mystic Circle mit ihrer Show. Eine willkommene Gelegenheit eigentlich, um sich mental mit Graf von Beelzebub und seinen Mannen zu befassen. Mit dem innerlichen Lachkrampf die Unsicherheit kompensieren. Doch wir stehen plötzlich direkt neben dem Typ an der Bar-

GLEN BENTON.

Er weist uns auf die Plätze seitlich von sich. Mit dem Moment, in welchem wir Platz nehmen, ist klar, dass weder die Energie für ein professionelles Gespräch, noch für einen freundschaftlichen Plausch gegeben ist. Der König hat uns weder zur Besprechung des nächsten Feldzugs kommen lassen, noch lädt er uns zu einem freundschaftlichen Umtrunk ein.

Intuitiv ist das einem sofort klar. Wir sind uns bewusst, dass wir jetzt zwei kleine, nichtssagende Darsteller im Bentonschen System sind, welche gar keiner schauspielerischen Leistung bedürfen, da vom Regisseur das Korsett für die Interpretation der Rolle keinen Spielraum lässt. Schreiberlinge, das gibt er uns zu erkennen, sind lächerliche Witzfiguren, die ihre Unvollkommenheit durch das Verfassen aufgeblähter Texte und Geschichten bearbeiten.

Der Dachs hat insofern die Arschlochkarte. Er zieht den computergedruckten Zettel mit Fragen heraus, ist sich seiner Rolle voll bewusst (das merke ich ihm an) und hat das Pech, der direkte Gesprächspartner des Meisters zu sein. Ich nehme Status und Spielregeln wahr und beschließe, mich auf`s Beobachten und Interpretieren zu beschränken. Dazu kommt, dass ich auf Glen den Eindruck mache, ein nicht ganz so verbissener Freak zu sein, der lieber mal einen Joint durchzieht, als den Metal als allzu große Wissenschaft zu betrachten. Dies signalisiert er mir durch sympathisches Lächeln.

Der Dachs jedoch, der den Journalisten zu spielen hat, trifft es da ungemein härter: er scheint mit Fototäschchen und vorgedruckten Fragen allen Klischees in Glen`s Kopf zu entsprechen und muss sich von vorne Herein seiner Opferrolle fügen. Schließlich wünscht der König ein weiteres Bauernopfer....

So formuliert der Dachs, ohne seine Nervosität überspielen zu können, die erste Frage: es ist ja schwer, mit Euch ein Interview zu bekommen....

Seine Majestät meint erst mal nur „Okay“ dazu. Daraufhin meint Glen, dass er ein sehr schwieriges Individuum ist.

Dachs: „That`s all?“

Glen: “Yes. That`s all.”

Bedürfte eigentlich keiner weiteren Kommentierung. Wir halten also fest, dass sich Herr Benton selbst als sehr schwieriges Einzelstück wahrnimmt.

Die nächste Frage liest der Dachs im ICE- Tempo runter. Sie zielt darauf ab, ob hinter den Storys mit zertretenen Christen- Wandergitarren und ähnlichem, welche in anderen Publikationen zu lesen waren, ein gewisses Kalkül steckt. Gewagte Frage. Dazu noch ganz am Anfang.

Benton lässt sich die Frage noch mal vorlesen und gibt dem Dachs dann zu verstehen, dass an solchen Geschichten absolut nichts dran ist. Ob er sie sich ausdenkt oder mit übermotivierten Schreibern auch mal die Phantasie durchgeht, lässt er dabei völlig offen.

Wir haben nun also einen relaxten, völlig zugekifften Maniac vor uns, der nebenher Whiskey trinkt, als handle es sich um Wasser, unfreiwillig oder bewusst mit dem Klischee des Christenfressers ein Ende macht, und dabei eher den Eindruck erweckt, als sei er mit sich und der Welt soweit im Reinen, da im berauschten Zustand die vernebelte Wahrnehmung eine günstige Realitätswahrnehmung möglich zu machen scheint.

Angesichts der Bilder und Vorurteile, welche man mit Benton in Verbindung bringt, löst dieser Eindruck geradezu eine gewisse Irritation aus. Und dennoch wahrt sich Glen die Aura des Unnahbaren, der schwer zu knackenden Nuss eines jeden Journalisten. Da unser Bewusstsein nun mal darauf abzielt Wertungen vorzunehmen und metaphorische Bilder zu konstruieren, möchte ich der Leserschaft auch meine unmittelbaren Gedanken während des Gesprächs nicht vorenthalten: so drängt sich die Figur eine großen Kindes auf, welches mit leuchtenden Augen und einer nimmermüden Lebensfreude sich und seine Wirklichkeit konstruiert, dabei jedoch mit der Matrix der Erwachsenen, die sich aufgrund seines Alters als nicht zu leugnende Tatsache aufdrängt, in einen gewissen Konflikt gerät. Umgangssprachlich würden wir wohl von einer schizophrenen Persönlichkeit reden. Ohne es damit wirklich treffen zu können. Vielmehr bewahren der harte Redneck, der böse Satanist und der mysteriöse Schreiberfeind die sensible, kindliche Glen-Seele vor der Verantwortung in der Realität jenseits der Adoleszenz. Solche Sonderlinge und „Freaks“ bekommen eine gewisse Unnahbarkeit und ihnen wohltuende Außenseiterrolle zugeschrieben.

Über solche Außenseiter und Sonderlinge wird von uns Textern natürlich gerne berichtet. Schließlich steckt in jedem von uns ein „Bild“- Journalist.

Der Dachs wollte von Glen auch wissen, ob er die Inhalte von abgedruckten Interviews kontrolliert.

„No. I don`t care“, ist eine kurze, aber sehr klare Antwort. Sie zeigt wohl wieder rum auf, dass sich das „Kind“ Glen für den „erwachsenen“ Benton nicht großartig zu interessieren scheint.

Schließlich ist ein Tag in seinem Leben auch eher an „ursprünglicheren“ Bedürfnissen ausgerichtet. Der Kinderschreck steht auf, trinkt Kaffee, kifft sich dann erst mal zu und widmet sich dann seinen Harleys. Orale Befriedigung und Spielsachen. Kann es für ein Kind viel schöneres geben? Eigentlich nicht.

Der Dachs, der im Gespräch mittlerweile so etwas wie eine Sicherheit und einen Faden gefunden zu haben scheint, spricht nach der Frage der Alltagsgestaltung auch dann sofort Glen`s Rolle in der Wirklichkeit der Gesellschaft an. Wie wirkt sich eigentlich sein Kampf gegen das Christentum (also gegen die Erwachsenen) so im täglichen Leben aus?

Daraufhin bekommen wir evilste Gesichtsausdrücke und Posen geliefert, mit denen Satan`s Söhnchen die Leute angeblich nur anzuschauen braucht. Diese ergreifen dann von der Begegnung mit dem Gesandten des Leibhaftigen sofort die Flucht, gehen nach Hause und beten. Eine Art „wer hat Angst vorm schwarzen Mann“-Spiel, welches zumindest im Kopf des „Biblebashers“ skurrile Formen angenommen hat. Wir bekommen auch noch eine irrwitzige Interpretation eines betenden, Gott anflehenden Christen geliefert, der um Beistand gegen den bösen Glen fleht. Die schauspielerische Leistung und die komödiantischen Züge dabei sind beachtlich und beeindruckend. Wir müssen wirklich schallend lachen. Und unser Gesprächspartner amüsiert sich köstlich darüber. Freut sich mit uns über seine Performance.

Doch unser Chefredakteur holt den Exzentriker auf den Boden der Realität zurück. Es geht die Sage um, dass Benton Kinder hat. Ja hat er. „Ein Sohn ist von meiner Ex- Frau, den anderen habe ich mit meiner Freundin“. Wissen die Kinder was du tust? „Mein älterer weiß was ich tue.“

Das Spiel nimmt langsam wirklich beängstigende Formen an. Der Dachs stellt eine eigentlich komplex zu beantwortende Frage nach der anderen, das zur Auskunft stehende Produkt der Firma Earache betreibt alles andere als Werbung in eigener Sache, sondern freut sich sichtlich über seine Fähigkeit jeder Substanz die eine Frage bietet, demonstrativ auszuweichen.

Klar, die nächste Frage des Dachses entbehrt dann auch nicht eines gewissen Klischeefaktors. Doch mal ehrlich, er hätte Glen wahrscheinlich alles fragen können. In dieser Konstellation wäre nichts anderes heraus gekommen. Gut, um meiner Chronistenpflicht Genüge zu tun: „Ist Deine Freundin christlich?“ „Nein.“

Haben wir die falschen Fragen? Was wären oder sind die Richtigen? Das weiß Glen Benton wohl selber nicht.

Muss er ja auch nicht. Interviews, und das kam klar heraus, haben für ihn eigene Regeln und Gesetzmäßigkeiten. So ist für ihn das Spiel so definiert, dass der Befrager immer an der Komplexität eines „schwierigen Individuums“ scheitern wird. Denn weder Länge der Antworten, Ernsthaftigkeit, noch Höflichkeit und Respekt entsprechen bei ihm den unausgesprochenen Standards. Und das macht diesen Mann reizvoll. Welcher Metal- Schreiber würde ihn nicht gerne „knacken“? In der Redaktion mit einem aussagekräftigen Benton- Interview auftauchen? Wohl jeder. Ist sicher auch schon dem einen oder anderen gelungen.

Jedoch dann bestimmt am Telefon und im Rahmen einer CD-Promotion. In so einer Sache wird Glen wahrscheinlich auch die Notwendigkeit eines Interviews bewusst sein. Schließlich hängen von Publikationen in Fachzeitschriften Absatzzahlen ab. Und auf Absatzzahlen ist er definitiv angewiesen. Oder sollte er als Briefträger oder Krankenpfleger jobben? Wohl eher nicht.

Die nächste Frage ist erneut sehr gewagt. Vielleicht entpuppt er sich nach ihrer Verbalisierung doch noch als das große Tier. In einem früheren Interview hatte der Deicide- Kopf einmal erzählt, dass er sich in psychologischer Behandlung befinde....

„What?“ Daraufhin ganz cool: „No. Never was.“

So, dann hat er hier wohl gerade mit einer weiteren Legende gebrochen und seinen Psycho- Faktor entschieden geschwächt oder gar manifestiert. Dies ist wohl wie alles in diesem Gespräch reine Auslegungssache.

„Ist das Therapie für Dich?“, fragt der Dachs und deutet auf die sich immer weiter leerende Jacky- Flasche.

Jetzt hat er ihn an einem Punkt getroffen, der ihm schmeichelt und ihn glücklich macht. Das Rock`n`Roll-Tier auf Tour, der inkarnierte Geist des aus Spaß an der Selbstzerstörung kultivierte Lebensgefühl grinst über beide Ohren und meint verschmitzt: „My best friend...“.

Der saß. Sex und Drugs, so will es das Klischee, hat bei langhaarigen Neander Tal- Entertainern immer einen positiven Reiz hervorzurufen. Das muss so sein und gilt als todsichere Gesetzmäßigkeit.

„Wie viel hast Du heute schon davon getrunken?“

Wie viele Tiere habt ihr mit bloßer Hand erlegt Majestät? Sie dürfen jetzt ihre immense Männlichkeit beweisen. Also, bitte! „Frag mich lieber, wie viele Flaschen Jack Daniels ich in den letzten 14 Tagen leer gemacht habe?“

Der mittlerweile untertänige Hofberichterstatter, dem ja auch keine andere Möglichkeit bleibt als das grenzenlose Ego des großen Satanskindes zu liebkosen, willigt natürlich ein und rückt diese Frage nach Glanz und Gloria in den Fokus. Der wilde, Naturinstinkt- folgende Jäger- und Sammlerkönig aus Übersee triumphiert: „20“. Eine Zahl, die man auf sich wirken lassen sollte. 20 Flaschen Whiskey in 2 Wochen. Wir ziehen den nichtvorhanden Hut und staunen.

Ein Beweis unglaublicher Männlichkeit ist auch die Antwort auf die Frage, was Mann denn so von der skandinavischen Black Metal- Szene hält. „ Die ist verdammt schwul. Wenn Kinder auf der Bühne stehen und sich wie Kiss anmalen, ist das schwul. Wenn Du Facepaint brauchst, bist Du schwul. Du richtest Dich zu wie ein Clown, solltest aber erst mal lernen,  Dein Instrument zu spielen.“

Wie würdest Du Dich selbst beschreiben? „Insane. Completely insane.“ Rülpst, lacht und lebt.

Eben ein Mensch. Der nebenbei noch ein Freund von Chris Barnes ist. Hat er jemals gedacht, mit ihm musikalisch was zu machen? „Nein. Ich fungiere jedoch als Gastsänger auf der neuen Vital Remains, die in ein paar Monaten über Century Media rauskommt.“ Aha. Jetzt brauch ich erst mal nen Donut mit Erdbeerglasur. Lecker. Soviel zum informellen Teil.

Weitere Fragen? Ihr mögt also doch Donots. Okay? Wie wird die neue Platte? Wird Scott Burns produzieren? Was hat sich durch den Wechsel zu Earache verändert? Wird es einen limitierten Digipack geben? Wann erscheint Eure DVD? Einziges Problem an der Sache: wir haben diese Fragen nicht gestellt. Vielleicht der alles entscheidende Fehler. So hätten viele von Euch das erfahren, was wirklich wichtig ist.

Der Dachs möchte es jedoch weiter extravagant und gräbt noch mal in der Benton- Familie herum.

Fühlst Du Dich wie ein richtiger Vater für Deinen Sohn? Glen entrüstet: „Warum fragst Du ständig nach meinen Kindern? Sie sind zuhause und ihnen geht es gut. Warum fragen mich die Leute nach meiner Familie und diesem Shit? Lass es weg, okay?“

Okay natürlich. Wer will denn hier wiedersprechen.

Dass die Rolle des Dachses noch einen würdigen Abschluss findet, eine gewisse Abrundung so zu sagen, muss der Ami noch für die Kamera posen. Stilecht wird sie aus dem netten Fototäschchen gefischt. Beeindruckter Japaner steht ehrfürchtig vor dem Hofbräuhaus -oder so ähnlich. Der nächste Diaabend scheint gerettet zu sein. Für den gibt sich Glen dann natürlich so wie wir ihn noch aus Bravo- Zeiten kennen: das böse Gesicht eines bösen Mannes blickt böse in die Kamera. Unterstrichen wird diese Bösartigkeit noch mit bösen Gesten.

Alles wirkt komplett einstudiert und zum 500000. mal heruntergespult. Doch genau diese Konstanz und Berechenbarkeit macht ihn ja für die Leute im Endeffekt so interessant. Denn all die Fragen, die seine multiple Persönlichkeit aufwerfen, mögen spannend sein, sind jedoch letztlich nicht von Relevanz. Unterm Strich zählt das Markenprodukt Deicide. Und an dieses hat der Konsument halt eine Erwartungshaltung. Und dieser ist sich Glen bewusst.

Welche Schattierung seiner Person nun der Wahrheit am nächsten kommt, konnten wir nicht wirklich aufdecken. Ist vielleicht auch nicht entscheidend. Es zählt halt doch die Frage nach der DVD. Oder der Limited Edition....

 

Schloez