Es gibt Bands, also insbesondere Newcomer, die haben einfach nix zu erzählen, das ist ein unumstößlicher Fakt nach jahrelanger Interviewerfahrung. Aber hin und wieder da gibt es Bands wie z.B. CRYPTIC VOICE, bzw. stellvertretend deren Sänger und Hauptsongwriter Dimitri „Timu“ Ceraso, der seinen nur schwerlich in den Griff bekommenden Redefluss dazu nutzt, seine Band, seine Ansichten und ein Stück weit seine eigene Person so gut wie nur möglich zu präsentieren, was sowohl für seinen Interviewer, wie auch den „Endverbraucher“, in diesem Fall Du, werter Leser, zu schätzen weiß. Da sich eigentlich jede elementare Information zu der Band in dem Review an anderer Stelle in dieser Ausgabe bzw. im nachfolgenden Interview befindet, entlasse ich Euch an dieser Stelle direkt in das Gespräch mit erwähntem Timu...
Am besten steigen wir damit ein, indem Du ein wenig von der Band erzählst, vielleicht auch auf die Leute eingehst, die unter dem Namen CRYPTIC VOICE Musik machen, woher Ihr kommt, etc.
Tja, bis auf Guillaume sind wir alle aus dem selben Provinznest namens Biel. Das liegt an nem hässlichen schweizer See, nicht weit von Bern. Die Stadt ist zweisprachig (D/F), und ich als deutschsprachiger bin halt in anderen Kneipen abgehangen als der Rest, welche Französischsprachige sind. Raph, Bendi und Axel spielten damals, muss so irgendwie um die 1996 gewesen sein, zusammen in ner Band, welche hauptsächlich Metallica Covers spielte. Zu dieser Zeit war ich grad Sänger in einer andren Band. Eines Nachts stolperte ich mal wieder in irgendeine Kneipe um zu tanken... Da wurde ich prompt von zwei Metallern angehauen, ob ich denn nicht Sänger sei und ne Band suche... da die alte Band gerade im Begriff war, sich langsam dem bürgerlichen Leben zuzuwenden, stieg ich bei den Jungs ein. Der Bassist, Guillaume, ist aus Paris. Als sich unser damaliger Bassist entschied, Punk sei doch geiler als Metal, wurde er uns von einer befreundeten Band weitervermittelt. Seither steht das Line-Up. ... und ich musste Französisch lernen....hahaha... Während den Proben hört man dann halt oft deutsch, französisch und englisch durcheinander. Bis wir uns dann alle verstanden haben, dauerte es manchmal ne Zeit. Allerdings zeigt die Bereitschaft zu diesem Chaos auch, wie gut wir uns auf musikalischer Ebene verstehen. Wenn auch jeder von uns grundverschieden ist, ein Jeder von uns fühlt sich durch unsere Musik mit den anderen Bandmitglieder verbunden. Ich spüre in den Riffs und Solis der Gitarristen die Selbe Trauer, welche meinen Texten zugrunde liegt. Das geht uns allen so. Obwohl aus verschiedenen Beweggründen und Umständen entstanden, fühlen wir das voneinander in unseren musikalischen Ideen. Daraus ergibt sich ein unausgesprochenes Verständnis und Respekt. - Manchmal schon komisch, dass wir uns gefunden haben... einfach so.
Ich habe es in meinem Review ja schon geschrieben, man kann Euch musikalisch nur sehr schwer einordnen, da ihr euch ja an einer recht breiten Palette des Metals bedient, da schimmert ab und an Thrash der Marke Holy Moses durch, etwas Death Metal, vor allem bedingt durch den Gesang, ein bisschen Schwedentod, viele „klassische“ Metalelemente, usw. Woher stammen Eure Haupteinflüsse, wo seht ihr CRYPTIC VOICE selbst und was denkst Du, in welche Richtung ihr euch irgendwann mal schwerpunktmäßig entwickeln werdet?
Nun, wir haben nie versucht, irgendjemandem nachzueifern. Jeder hat so seine Faves, das kann ganz querbeet gehen. Als dieses Line-Up endlich stand, war halt der Schwedensound grad ziemlich in. Wir ham das damals auch ziemlich gern gehört, woraus sich natürlich auch gewisse Einflüsse ergeben haben. Wir denken aber garnie daran, dieser oder jener Band ähnlich zu sein. Im Gegenteil, wenn sich was zu ähnlich wie was Bekanntes anhört, wandert es meist gleich in die Tonne. Wichtig ist uns eigentlich nur, dass die richtige Stimmung transportiert wird. Das mag manchmal durch die Musik geschehen, manchmal durch meine Texte. Das Optimum ist natürlich, wenn beides übereinstimmt. Es wäre jedoch verwegen zu behaupten, dass uns dies ständig gelänge. Jedoch versuchen wir es, und das ist eigentlich was zählt. Es ist einfach nur ehrliche Musik. Ob der Einfluss jetzt von Elvis kommt oder von Burzum, ist ja völlig wurst; die wurden ja auch irgendwoher beeinflusst. Sich selbst in der Musik wiederzuerkennen ist das wichtigste. Und aus dem klassischen Heavy Metal kommen nun mal viele schöne Harmoniebögen, welche wir strukturell oft einsetzen. Die wiederum basieren auf der Klassik. Wodurch die Klassik beeinflusst wurde weiß ich nun aber auch ned... Will da auch gar nicht der Bischoff drin werden. Ich hoffe, du verstehst was ich meine. Gute Musik ist gut, daran gibt’s nix zu rütteln. Und da dies Subjektiv ist, mag ich’s nicht, wenn jemand etwas schlechtredet, ohne es zu kennen. Wie zum Bleistift das verkümmerte Trend-People, welches nur kennt, respektive kennen will, was auf MTV läuft, und alles andere als abnorm empfindet. Der Kommerz unterbindet bei den Menschen die Fähigkeit ihr eigenes Urteilsvermögen zu benutzen. Schlimmer noch, MTV und Konsorten, verhindern bei den Heranwachsenden, dass sie überhaupt sowas wie Individualismus entwickeln können! Mist, ich schweife wieder mal ab. Sorry! - Wo wir CRYPTIC VOICE selbst sehen? Da möchte ich jetzt nicht für die ganze Band sprechen, gilt nur für mich: CRYPTIC VOICE soll für Denken stehen. Für Gerechtigkeit. Für Sinn.
Die schwerpunktmäßige Entwicklung ist schwer zu definieren. Da wir uns eher treiben lassen. Treiben von unseren Ideen und Gefühlen. Aber wenn du so willst, kannst du die absehbare Zukunft in etwa wie folgt skizzieren; "...Retribution Comes" ist nur der erste Teil einer Triologie. "...Retribution Comes" steht für die Wut! In ihrer kindlichen Form, in ihrer traurigen und auch verzweifelten - alles Formen dieser Wut! - Das zweite Album wird die Trauer werden. Wir sind auch schon fleißig daran am arbeiten. Musikalisch kann ich sagen, dass es tiefer, langsamer und vor allem deutlich trauriger ausfallen wird... es soll ja auch die Trauer wiederspiegeln. Allerdings sind wir an nichts gebunden, und wir fühlen uns auch nicht verpflichtet, einen "musikalischen" Nachfolger zu "...Retrubution Comes" abzuliefern. Im Gegenteil, es soll sich so anhören wie wir fühlen. Egal ob es ein Stilbruch wird oder nicht. Das ist ja auch völlig egal! Wer zuhört und zu verstehen versucht, der wir von der "Trauer" niemals enttäuscht werden. Denn wer die "Wut" verstanden hat, dem wird unweigerlich nach der "Trauer" dürsten... denn er wird sie brauchen. Den Abschluss macht dann hoffentlich 2005 unser drittes Album, welches dann... ich nenn es jetzt mal "Erlösung" wird... könnte aber auch "Untergang" werden... Es ist so, dass ich es noch nicht in verständliche Worte packen kann. Es taucht bisher nur schemenhaft an manchen Abgründen meines Geistes auf. Ich weiß eigentlich im Moment nur, dass wir mit den Arbeiten zur „Trauer“ auf dem richtigen Wege sind. Denn je weiter wir damit voranschreiten, desto öfter tauchen diese Schatten auf... sie werden auch langsam klarer. Ob es gut oder schlecht endet, wer weiß, aber es wenn ich das bisherige richtig interpretiere, weist es eher auf etwas Furchtbares hin. Wir werden sehen...
Der Zuhörer sei eingeladen, uns zu folgen, mit uns zu weiter voran zu schreiten - zu erfahren - erleben - fühlen - verstehen - - und dann... naja, klar wird es den meisten Leuten eh erst nach dem dritten Album werden.
Ich hoffe wir können das durchziehen und zu Ende bringen. Daran liegt mir sehr viel... sofern wir genug CDs loswerden, um die weiteren zu finanzieren.
Deine letzten paar Sätze hören sich ein bisschen so an, als wärst Du ein Sektenführer und am Ende läuft alles auf einen rituellen Tod hinaus. Ist Dir das schon mal aufgefallen?
Ja, ist mir auch schon aufgefallen, hahaha...- Ich verurteile niemanden der sich selbst tötet. Sofern er sich dessen bewusst ist, was er tut! Wenn es ein Sektenführer predigt, dann ist es ein Idiot! Wenn sich jemand in der Verzweiflung von ner Brücke stürzt, dann ist das nur traurig! Obwohl ich dafür vollstes Verständnis habe. Manche Menschen sind zu zerbrechlich, um in dieser Welt zu bestehen. Ich weiß auch noch nicht ob ich's hinkriege, alt zu werden... Ich verlange jedoch von meinen Freunden, es zu respektieren, wenn ich mich für den Freitod entscheide. Vermutlich gebe ich es irgendwann mal auf, aber dann ist mein Freitod reiflich überlegt und vor allem gewollt! - Wenn ich so was singe, ist es das romantische Sinnbild für Selbstaufgabe... überhaupt ist ritueller Selbstmord eine romantische Vorstellung...
Ich bin aber kein Sektenführer der seine Schäfchen zulabert sich umzubringen. Du kannst jetzt natürlich einwerfen, als Sänger sei das was ähnliches. Wobei das allerdings zu differenzieren ist; der Sektenführer lenkt seine Anhänger, ich hingegen erzähle eigentlich nur über mich selbst. Ich seh das auch nicht als ein indirektes lenken, um dir den Wind aus den Segeln zu nehmen, ha! Ich mein, wenn mich nach ´nem Konzert jemand anquatscht, dann sind das meist Leute, welche gerne verstehen wollen, wie ich dieses oder jenes meine. Das zeigt doch deutlich, dass Metaller nicht hirntote Langhaarige sind! So sehe ich's auch nicht als gefährlich an, was ich texte. Da ist das nichtssagende Gebrabbel von MTV tausendmal gefährlicher; Das ist nämlich pure Volksverdummung! Ich mein, kuck dir doch jetzt mal den Kübelböck an. Der glaubt er sei ein rosa Superman. Die Leute die dahinterstehen verdienen damit dick Kohle, der arme Kerl aber wird den Rest seines Lebens nicht einen brauchbaren Gedankengang mehr hervorbringen. Und die dumme Meute fiebert schon dem nächsten armen Tropf entgegen... hängt sie alle auf, hängt sie sofort alle auf, hahaha!!!
Dem wäre an sich nichts mehr hinzuzufügen...
Welche Message soll eigentlich euer Bandname transportieren?
CRYPTIC VOICE heißt ja "mysteriöse Stimme". Es soll die Stimme sein, welche den Zuhörer führt... In unserer Welt, welche dem Zuhörer sein eigen Herz vor Augen hält...
Der rote Faden bei C.V. scheint mir die stets vorhandene melancholische Grundstimmung zu sein. Siehst Du in Eurer Musik auch so was wie ein Licht am Ende des Tunnels oder kann man in eure Texte schlichtweg keine positiven Vibes reininterpretieren?
Diese Melancholie ist die treibende Kraft in uns. Sie bestimmt meine Texte, unsere Melodien, alles. - Keine Chance, da was positives reinzuinterpretieren. Das gemeine ist, dass das Leben ein Tunnel ohne Ende ist. Es wird kein Licht geben... das ist zu akzeptieren. Meinen Weg zu dieser Akzeptanz spiegelt sich in "... Retribution Comes" wieder. Es ist ein sehr schmerzhafter Weg, welcher am Anfang nur durch die "Wut" erträglich ist. Ansonsten zerbrechen die meisten Menschen daran. Danach nimmt die tiefe Trauer ihren Anfang, das ist die Phase in der wir nun an der nächsten CD arbeiten. Deswegen wird es eben deutlich trauriger, in vielerlei Hinsicht. - Davon abgesehen, Schwermut muss nichts schlechtes sein, es kann der Kreativität sogar ungeahnte Möglichkeiten bescheren. Dazu fällt mir grad ne Anekdote ein: Vor ein paar Monaten begann ich die Textideen fürs nächste Album etwas zu kanalisieren. Um nicht in die Oberflächlichkeit abzudriften, aß ich tagelang nichts. Das schärft die Sinne ungemein! Ich hab’s dann allerdings n bisschen übertrieben. Soll heißen, ich wollt grad in die Küche gehen, als ich plötzlich merkte, dass sich alles zu drehen begann. - schwarz - ich wollt mich noch festhalten, allerdings auf der falschen Seite. Ich knallte mit dem Kopf geradewegs auf den Steinboden. Da lag ich dann ne Viertelstunde. Ich erinnere mich noch gut daran; ich sah so was ähnliches wie den berühmten Film des Lebens ablaufen usw. Ich dachte ich sei tot. Es war ein sehr trauriges Gefühl, tot zu sein... nicht von wegen Erlösung und so... Was denkst du, weshalb ich wieder zu mir gekommen bin? Ich hab auf das Licht gewartet! ... und gewartet... und gewartet. Aber das verdammte Licht wollte einfach nicht kommen!! Ich bin aufgewacht weil ich stinkesauer war, da das sch*** Licht nicht kam!!! Also glaubt mir, es gibt kein Licht am Ende des Tunnels....
Was festigt Dich insgesamt in Deinen Ansichten, woher kannst Du mit Bestimmtheit sagen, dass es beispielsweise kein Licht am Ende des Tunnels gibt, nur weil Du das nicht so empfunden hast, bzw. gar keine Chance dazu hattest, dass rauszufinden, weil Du vielleicht schlichtweg vor körperlicher Erschöpfung nur ohnmächtig warst und es da halt kein „Licht“ zu sehen gibt?
Natürlich, vielleicht sieht man das Licht tatsächlich erst, wenn man wirklich stirbt. Das ist aber gar nicht mal der Punkt. Dass da kein Licht kommen wird, steht für mich leider außer Frage... Es sollte nur illustrieren, das ich hier nicht irgendwas zusammenbrabble, ohne mich damit intensiv auseinandergesetzt zu haben. Ich such hier nicht ne Plattform um mich zu produzieren. Wichtig ist doch eigentlich nur, dass die Menschen nachdenken! Wenn jemand an das Licht glauben will, das dereinst kommen möge, dann ist das seine Entscheidung. Wenn er dies jedoch tut, ohne sich damit befasst zu haben, ist das mehr als nur schade. Ein vorgegebenes Ideal als Rettungsanker vor dem emotionalen Untergang des eigenen Geistes - für mich gleichbedeutend mit sinnloser Existenz. Und um Gottes Willen nicht falsch verstehen! Damit will ich keinesfalls jemandem die Existenzberechtigung absprechen! Die Gesellschaft wie wir sie kennen, basiert eigentlich auf hehren Werten. Jedoch korrumpiert jeder Mensch, je einflussreicher er wird. Sich selbst treu zu bleiben, sollte eines Jeden höchstes Ziel sein. Auch wenn dies manchmal bedeutet, gewisse Dinge nicht zu tun, entgegen dem eigenen Verlangen. So habe ich zum Beispiel früher den Fehler gemacht, Menschen ihre Illusionen zu nehmen, ohne mich zu vergewissern, dass es für sie verkraftbar resp. zumutbar ist. Im Bereich des extremen Metals jedoch, denke ich, darf ich meine Ansichten bezüglich Leben und Tod frei äußern. Da in unserer Szene ja hauptsächlich mit dieser Thematik gearbeitet wird, sind die Fans auch meist Leute die sich selbst schon einige Gedanken darüber gemacht haben. Wenn ich beispielsweise etwas in der Art wie "hängt den Lügner auf" singe, dann erwarte ich von den Fans zu erkennen, dass ich damit meinem Schmerz über den Verrat Ausdruck gebe. Und nicht das einer auf die Strasse rennt, und jemanden am nexten Baum aufknüpft. So ist das auch mit dem Licht zu sehen. Wenn man bereit ist den Schmerz der Erkenntnis auf sich zu nehmen, ist das meiner Meinung nach weitaus sinnvoller als sich selbst zu belügen. Ich sag's mal so:
Ich hasse Gott! - weil es ihn nicht gibt! - deswegen hasse ich Gott!
Die regelmäßige Reaktion darauf ist: "das geht aber nicht, das wiederspricht sich ja." Mitnichten! Wenn man sich damit auseinandersetzt, dann passt das eben doch! Egal zu welchem Schluss man aufgrund dessen kommt, man denkt zumindest! Und wenn unter den Leuten ein paar Nasen sind, die es so verstehen wie ich es meine, dann freue ich mich inständig. Denn geteiltes Leid ist auch bei dieser Frage halbes Leid. Und wer es jetzt partout nicht kapiert, der darf mir ruhig ne Mail schicken.
Bezüglich der Festigung meiner Ansichten kann ich noch nachschieben, dass bei mir wohl einige Schicksalsschläge ausschlaggebend waren. Ohne auf diese genauer eingehen zu wollen, festigten sie mich hinsichtlich des Nichtglaubens. Um die wahren Werte des Lebens zu entdecken, muss es einem saumies gehen. Dummerweise verdrängt man dies gleich wieder, sobald es einem wieder besser geht. Dann lebt man wieder "glücklich" und damit Hand in Hand verdammt oberflächlich weiter. Passiert dann wieder mal was Schreckliches, findet man wieder zurück. Und für mich persönlich ist Glücklichsein verlorene Zeit. Wenn du so willst, hab ich mich dazu entschieden, unglücklich zu sein. Meiner Meinung nach besser so.
In deinen Texten geht es zumeist um spirituelle Dinge, um Glaubenszwiespalt, die Frage, was sich hinter allem verbirgt, das Leben und den Tod im besonderen. Zu welchen Erkenntnissen bist Du in dieser Beziehung bislang gekommen, inwiefern war Dir Deine lyrische Kanalisation dazu behilflich?
Ich hab schon mit 12 angefangen mich damit zu befassen. Natürlich auf kindliche weise à la Tischrücken etc. Mit 14 gründete ich dann meinen ersten "Hexerzirkel" und so Zeugs. Mit dem Erwachsenwerden kam dann auch die Möglichkeit, mich mit anderen Menschen darüber auszutauschen, nachzufragen, in Frage zu stellen, wie auch in Frage gestellt zu werden. Ich kam dann auch schnell von dem Satanzeugs in diesem Sinne ab. Die Erkenntnis daraus ist, dass die Erkenntnis als solche sehr schmerzhaft ist. Wenn dieser Schmerz überhand nimmt, flüchte ich mich immer noch oft und gerne in irgendwelche ... sagen wir mal "vorübergehende Hilfsmittel" wie die Religion. Es ist einfach manchmal zuviel, wenn ich tagelang nur rumliege und über Gott, den Teufel, Tod und Vergängnis und so Sachen sinniere. Ich bin dann oftmals gar nicht mehr ansprechbar für normale Menschen. Dann schreib ich manchmal die abstrusesten Sachen nieder. Der Preis dafür ist Einsamkeit. Wenn du fühlst, dass da kein Gott ist... nicht mal ein Teufel ist da... wenn du das spürst, dann weist du was Einsamkeit bedeutet. Und dann verstehst du auch, dass die Menschen diese Erfahrung gar nicht machen wollen. Sie haben Angst! Diesen Menschen sei gesagt; wenn ihr nicht jetzt darüber nachdenkt, dann werdet ihr auf dem Sterbebett die Hölle erleben. Das sind dann Jene, welche sich kurz vor dem Tod noch in Religionen flüchten... kurz noch beichten und so Müll. Sie sterben fast vor Angst. - Und flüchten in Religion... die Deppen die. Und dann sterben sie. - Hätten sie sich früher mit dem Tod auseinandergesetzt, dann wären sie bessere Menschen gewesen. Die Moral ist kein Gebot Gottes, die Moral ist eine menschliche Gabe. Ich töte nicht weil ich Angst vor der Hölle habe, nein, ich töte nicht, weil ich mir das Recht dazu nicht gebe! Dazu ist kein Gott nötig!
Durch die Musik habe ich ein Mittel, mich damit nicht alleine zu fühlen. Das schreiben der Texte ist ein wichtiger Teil, um zu meinen Ansichten zu gelangen. Wenn ich einen alten Text von mir ansehe, und mag er auch noch so krank sein, erkenne ich wieder, weshalb ich ihn schrieb. Wie ich mich fühlte. Was mich dazu brachte. Mit ein bisschen Abstand betrachtet lerne ich dadurch über mich selbst. Es hält mich davon ab, mich für unfehlbar etc. zu halten. Insofern ist die "lyrische Kanalisation" sehr wichtig.
Was denkst Du, gibt es „behind the door“ zu entdecken?
Leider nichts! Aber du meinst wohl den Song, oder? Die Aussage darin ist im Prinzip, dass es hinter der Tür nichts gibt. Diese Tür steht für Gott. Das Dahinter, ist das was sich die Gläubigen als Paradies oder wasauchimmer vorstellen. Ihr "gutes Leben" nach dem Tod. Ich will damit eigentlich nur rüberbringen, dass nach dem Tod kein Gott auf Euch wartet. Ich find’s traurig, wenn Jemand sein Leben einer Lüge widmet. Und dann nicht mal mehr mitkriegt, dass er belogen wurde.... denn er ist ja dann tot, und eben nicht im Himmel. Traurig aber wahr. - Textlich isses natürlich aus Sicht eines gefallenen Engels - eine Metapher.
Euer Albumtitel kündigt es bereits an: retribution comes. Vergeltung gegen Gott, wenn man die Brücke zu (fast) gleichnamigen Song „Retribution“ baut. „My father will awake....Satan is alive“. Inwiefern spiegelt das Deine wirkliche Sicht der Dinge wieder und siehst Du Satan in der Tat als Deinen „Vater“ an?
Ich denke, es ist inzwischen klar geworden, dass ich nicht an den bösen Hoschi da unten, noch an den Knilch da oben glaube. Man muss nur ein bisschen nachdenken. Es ist alles im übertragenen Sinne gemeint. Wenn irgendjemand unsere CD anhört und deswegen eine Katze opfert, dann bin ich der Erste, der dem Bengel zeigt was es heißt, wehrlos zu sein! Ich würd mich vergessen!! Achja, spendet mal für den Tierschutzverein!
Die Vergeltung gegen Gott, ist die Rache dafür, daß es Gott nicht gibt. Das mach übrigens Sinn! Doch, doch!
Der Dachs spendet regelmäßig diversen Tierschutzorganisationen Geld! Das macht definitiv Sinn...
„I fight against the liar, I pray for the new messiah“ ist ein weiterer Auszug aus „Retribution“, der mich zu folgender Frage inspiriert hat: Was denkst Du, würde sich tatsächlich unter einem neuen Messias auf der Welt ändern?
Sehr gute Frage... Sofern ich der neue Messias bin, dann wird´s ne saugeile Welt! Leider bin ich´s nicht. Hab das mal durchgerechnet als ich jünger war. So anhand von Nostradamus' Prophezeiungen und so. Nach meinen Berechnungen hätte der Papst aber zwischen 1997 und 1999 abkratzen sollen, damit ich auch sicher der neue Messias bin... Dummerweise lebt dieser Bauernfänger aber immer noch. Mist. Hmm... sollte ich vielleicht nochmal nachrechnen... wer weiß ob ich mich vertippt habe .. Andererseits könnte man auch behaupten, der Papst sei schon tot. Denn sein Gebrabbel, dass er so von sich gibt, kann ja nicht von einem denkenden Geist kommen. Zumindest in der Birne ist der schon lange tot.
Um aber ernsthafter zu sein; schön wäre es ja, wenn der Messias kommt. Mal gesetzt den Fall, ich würde ein Gläubiger sein, und Messi kommt tatsächlich. Ich meine, vor 2000 Jahren hat’s schon Sinn gemacht, ein paar schlaue Verse zu nem Buch zu binden um dann zu sagen, es stehe darin die Wahrheit. So um die Menschen zu einen und so. Ist aber schiefgelaufen, weil noch n paar andere Messis daherkamen und denselben Anspruch des Absoluten hatten. Resultat: Kuck dir die Welt an! Nein, wir brauchen keinen Messias! Wir brauchen nur ehrliche Menschen, die die Last auf sich nehmen, zu unserem Wohle auf das eigene Leben zu verzichten.
Das hier ist nicht nur die (ursprünglich) neunte Frage, sondern auch ein Albumtitel von Mercyful Fate, der sich hier thematisch gut einbauen lässt. Was hältst Du von King Diamond und seiner allgemeinen Sicht der Dinge?
Mist! Ich war früher nen riesen Fan vom King! Allerdings hab ich seit der Conspiracy nix mehr über ihn gelesen. So kann ich gar nich viel zu seinen Ansichten sagen. Aber ich liebe "Abigail"! Das war damals nen echter Meilenstein für mich. Ah, doch. Ich glaub ich hab mal nen paar Statements von ihm gelesen. Glaub gar nicht so lange her. Ich glaube mich zu erinnern, dass mir das noch ziemlich gepasst hat. Aber häng mich bloss nicht dran auf, falls ich mich nun schwer vertan hab. Bitte...! Ich schwöre Mann, am Wochenende kuck ich mich im Netz danach um! Jetzt hast du mich neugierig gemacht.
Huh... Tarot... Ja, hab ich auch mal rumgespielt mit. Hatt sogar mal nen Aleister Crowley Set. Aber ehrlich gesagt, der einzige Nutzen der darin liegt ist, dass derjenige der sich damit befasst, sich überhaupt mit etwas spirituellem befasst. - Sofern er dann nicht zum Guru wird und sein Leben danach ausrichtet, wird er daraus lernen, nicht jeden Humbug zu glauben. Im besten Fall lernt er etwas über sich selbst. Das ist nicht schlecht. Aber die Kids die nach Tischrücken, Pendeln oder Tarot legen aus dem Fenster springen, die haben wirklich was falsch verstanden...
Harald Deschler
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