Ich bin erstaunt! Eigentlich war es nur als kleiner Ulk
gedacht, als ich die Uhrzeit des Interviews mit 20.07Uhr
angegeben habe, aber pünktlich auf die Sekunde klingelt
mein Telefon. Gitarrist und Bandleader Torsten entspricht
eben dem pünktlichen Schwabe und somit wäre mal
wieder eines von vielen Vorurteilen bestätigt (obwohl
ich wiederum fast täglich den Gegenbeweis antrete, daß
dem eben nicht so ist...). Nach dem neuesten Release "Metus
Mortis" läßt es sich für die BRAINSTORM-Jungs
auch recht relaxt an die Sache gehen, kann man sich doch
immerhin die Chartpoleposition in einem Dortmunder "Fachblatt"
auf die Fahnen schreiben und auch insgesamt scheint die Zeit
für gut gemachten und an amerikanischen Vorbildern orientierten
Metal optimal zu sein. Denn was man so alles unter dem Banner
Power Metal insbesondere von unseren italienischen Nachbarn
in den letzten Jahren so serviert bekommt, steigt stetig
die Frage, ob es überhaupt noch Bands gibt, die diesem
ehemaligen Synonym für Bands wie Metal Church, Vicious
Rumors oder Armored Saint überhaupt noch gerecht werden.
Und das tun BRAINSTORM in der Tat, wie auch Torsten im folgenden
Interview bestätigen wird...
"Wir haben schon immer das gemacht, worauf wir Bock
hatten, ohne irgendwelchen bestimmten Vorstellungen zu entsprechen",
resümiert Torsten über die bisherige Bandgeschichte.
"Wenn es den Leuten gefällt und sie uns so
akzeptieren, wie wir sind, dann ist das natürlich ein
gutes Gefühl, aber wir
stehen jetzt nicht unter irgendeinem Druck von außen",
fährt er fort. Wobei
es natürlich jetzt auch schwierig für die Band
werden wird, nach den durchweg
guten Rezensionen mit dem nächsten Album noch eins draufzusetzen.
"Wie gesagt, wenn wir uns ans Songwriting machen, sind
wir völlig gelöst von jeglichem Druck und es entsteht
immer ein Album, daß wir nie vorplanen oder aus Kalkül
machen. Ob wir unser Maximum mit "Metus Mortis"
erreicht haben, wird man erst in ein paar Jahren sehen. Damit
machen wir uns nicht verrückt, bisher lief es sehr gut
für uns und wenn es so weiter geht, beklagen wir uns
auch nicht", blickt Torsten optimistisch in die
Zukunft. Als ich das erste Mal die Band zusammen mit dem
Netti ´97 in Ludwigsburg interviewt habe, da haben
sich die Jungs als Metaller in allen Lebenslagen geoutet.
"Hahaha, ja, irgendwie sind wir alle immer noch in
diesem Metier tätig, auch wenn sich in vier Jahren einiges
verändert. Dreher, Schlosser, etc., daran hat sich im
großen und ganzen aber nicht viel geändert. Wir
gehen alle noch täglich zum Arbeiten", teilt
Torsten das ewige Laster mit vielen Millionen anderen hart
arbeitenden Zeitgenossen. Einer dieser "Metaller"
ist aber im Vergleich zu vor vier Jahren nicht mehr in der
BRAINSTORM-Schmiede mit an Bord. Die Rede ist von Ex-Sänger
Marcus Jürgens, nach dessen Abgang die wildesten Gerüchte
kursierten. "Von unserer Seite ist da keine
dreckige Wäsche gewaschen worden, wir haben einfach
nicht auf die Schlammschlacht reagiert. Es war einfach so,
daß der Marcus schon immer derjenige in der Band war,
der sich lieber dem melodischen Sound zugewandt hatte, was
er jetzt ja auch macht mit Kashmir. Das ist eher noch traditioneller,
so Richtung Dokken, Loudness, Ozzy... Das hat sich halt immer
mehr rauskristallisiert, auch wenn der Wechsel gleich nach
der zweiten Scheibe nicht gerade günstig war. Aber geändert
hat sich dadurch trotzdem nicht viel in der Band, die Musik
schreiben nach wie vor dieselben Leute, das war schon so,
bevor er damals in die Band kam und das ist auch heute noch
so", strahlt die Stimme aus dem Hörer eine
Gelassenheit aus, wie es vor 2-3 Jahren eher undenkbar gewesen
wäre. "Natürlich läuft so ein Split
nicht immer im Allerbesten ab, vor allem nicht, wenn man
schon viele Jahre zusammengespielt hat. Er hat früher
schon öfters angedeutet, daß er lieber etwas anderes
machen wollte und unter dem Aspekt, daß wir sowieso
nicht von unserer Musik leben können, sollte auch jeder
das machen, was er auch wirklich will und das tut er jetzt
ja auch und unsere Differenzen haben sich mittlerweile auch
wieder gelegt, zumindest glaube ich das", findet
Herr Ihlenfeld versöhnliche Worte.
Von den alten Geschichten zu aktuelleren Themen, mit denen
sich BRAINSTORM auf "Metus Mortis" beschäftigen.
Beispielsweise philosophiert man in "Meet me in the
dark" über die immer stetig anwachsendere cybervirtuellen
Unterhaltungsindustrie, die schon Millionen von Menschen
süchtig gemacht hat und jeden Tag werden es mehr, insbesondere
sinkt immer mehr das Alter der Kids, die sich ihre eigene
Welt vor der heimischen Playstation erschaffen. "Ein
gewisses Suchtverhalten läßt sich in diesem Punkt
ja nicht abstreiten, wenn man sich mal so unsere Gesellschaft
anschaut. Ich selber zocke "nur" öfters mal
FIFA, was im übrigen sehr geil ist, basiert diese Geschichte
aber schon zu einem gewissen Teil auf Selbsterfahrungswerten
vom Andy (B. Franck, Sänger und Textschreiber der
Band), der sich mit dieser Thematik näher befaßt
hat. Man muß abschätzen können, wieviel man
davon verträgt, bei vielen sind diese Grenzen aber schon
verflossen und die leben in einer Scheinwelt, da gibt es
mit Sicherheit sehr viele Leute, denen es so geht!",
resigniert mein Gesprächspartner. "Harmlos ist
das alles bestimmt nicht, besonders nicht für die Jüngeren.
In unserem Alter halte ich das nicht mehr für so gefährlich,
da hat man genügend anderes, was man jeden Tag noch
erledigen muß", und wirft mich altersmäßig
einfach mal mit sich in einen Topf. Aber wenn man sich die
über dreißigjährigen Familienväter mal
anschaut, die sich nach der Arbeit erst mal für ein
paar Stunden vor die Playstation verziehen, kann man wohl
auch nicht gerade von einem intakten Familienverhältnis
sprechen. "Stimmt natürlich auch, die sollte
man nicht unterschätzen", pflichtet er mir
bei. "Aber für mich persönlich ist das
trotzdem eher die jüngere Generation, die sich damit
Probleme macht. Die Graphiken werden immer besser und realistischer,
die potentielle Abstumpfung nimmt immer mehr zu. Wobei ich
schätze, daß dieses ganze Suchtverhalten eher
in den Großstädten und Ballungszentren zum tragen
kommt, weil da alles viel anonymer ist wie bei uns in der
Provinz. Hier sind die sozialen Bindungen einfach noch stärker,
denke ich", kommt es in einem fragenden Ton aus
dem Hörer gekrübelt. Man könnte an dieser
Stelle natürlich auch Gegenargumentieren und sagen,
daß es in der eher ländlichen Gegend dafür
wesentlich weniger Alternativen als in einer Großstadt
gibt und man höchstens die Wahl hat, jeden Tag mit den
selben fünf Gesichtern abzuhängen oder man kann
einfach aus dieser tristen Realität fliehen.
Wie bei den meisten Texten sprechen BRAINSTORM gerne weltliche
Probleme an, da fragt man sich nur, ob die Herren auch die
ein oder andere konkrete Lösung aufzeigen. "Eigentlich
in jedem Song." bin ich über die Wissenskraft
meines Gesprächspartners überrascht. "Die
Texte fangen meist sehr düster an und es gibt doch immer
noch einen Ausweg. Es geht immer wieder eine Tür auf
wo eine zugeht. Man soll sich selbst nie aufgeben, es geht
immer irgendwo weiter", werden ein paar abgedroschene
Standard-Phrasen zum besten gegeben. Ganz glücklich
bin ich mit dieser Antwort nicht und fische mal so ein bißchen
im Trüben..."Die Message bei "Meet me in
the dark" ist ganz einfach: Schalt den PC einfach mal
ab!", klingt die erwartungsvolle Antwort durch den
Hörer. Das hört sich so ein bißchen nach
"Ich will den Weltfrieden. Werft alle Eure Waffen weg!"
an, da hätte ich doch etwas mehr erwartet. "Man
kann schlecht innerhalb von drei Minuten Songlänge eine
komplette Geschichte verarbeiten, abschließen und eine
optimale Lösung aufzeigen", lenkt der etwas
aus dem Konzept gebrachte Torsten ein. "Speziell
bei dieser Geschichte haben wir gedacht, wir zeigen die Gefahr
mal auf. Zeigen mal anhand von einem Beispiel, wie es ist,
wenn sich Realität und Fiktion miteinander vermischen.
Wie gefährlich das im Endeffekt doch sein kann. Und
im Endeffekt bleibt doch der Grundtenor, daß man, wenn
man noch die Möglichkeit hat aufzuhören, sprich,
wenn ich sagen kann: "okay, es ist viertel neun, ich
mache jetzt den PC aus und mache noch was anderes",
habe ich die Gefahr für mich in dem Moment ja gebannt,
also ist es doch ein Stück weit konkret, auch wenn es
jetzt nicht die Antwort ist, die Du hören willst",wirkt
der Mann doch wieder gelöster und kann sich ein leichtes
Lachen nicht verkneifen.
Ein weiterer sehr interessanter Text scheint auch "Checkmate
in red" zu sein, in dem man sich die indische Geschichte
vornimmt. "Das ist eigentlich der zweite Teil von
"Maharacha Palace" vom letzten Album. Der Andy
hat sehr viel über die indische Geschichte gelesen.
Es geht eben grundsätzlich darum, daß die ganzen
indischen Paläste in hellem Glanz erstrahlen und man
eigentlich nicht so genau wissen soll, wie schlimm es hinter
diesen goldenen Fassaden abgeht. Ich glaube auch nicht, daß
sich an diesem Zustand selbst in der heutigen Zeit viel geändert
hat. Es gibt sehr viele arme Leute dort unten, im Gegenzug
aber sehr wenige, dafür sehr, sehr reiche Leute. Das
läßt sich auch in das Heute noch sehr gut übertragen,
auch wenn die Versklavung heutzutage natürlich anders
aussieht", philosophiert Torsten.
Da verwundert es natürlich auch nicht, wenn sich viele
technisch begabte Inder insbesondere der jüngeren Generation
via Green Card ins wesentlich aussichtsreichere Ausland absetzen,
kann man doch hier wesentlich zuversichtlicher in die Zukunft
blicken. Man denke nur an die ganzen indischen Computerspezialisten...
"Das sind die modernen Sklaven dieser Gesellschaft",
bricht Torsten für die "Computer-Inder" eine
Lanze. Jedoch würde er nicht so weit gehen und über
dieses Thema ein ganzes Konzeptalbum zu schreiben.
"Natürlich ist die indische Geschichte ein sehr
umfangreiches Thema, aber ich könnte mir nicht vorstellen,
11 indische Songs auf eine Metal-Scheibe zu packen, das wäre
wohl ein wenig zuviel des Guten". Womit auch geklärt
sein dürfte, weshalb der Josen nicht der aller größte
BRAINSTORM-Fan auf diesem Erdball ist...
Ein wesentlich brisanteres und wesentlich aktuelleres Thema
dürften die Anschläge vom 11.September sein, die
auch irgendwo das Resultat jahrzentelanger Ignoranz sind
und der offensichtliche Machtmißbrauch einer Weltreligion
darstellt, was BRAINSTORM auch schon seit jeher u.a. auch
in ihren Texten verarbeiten und kritisieren. "Auf
eine gewisse Art und Weise fühlen wir uns da schon bestätigt",
stimmt mir ein sehr nachdenklicher Torsten zu, "aber
es ist sehr traurig, in welchen Dimensionen sich das abgespielt
hat. Das zeigt aber nichtsdestotrotz, daß es schon
immer so war, seit Anbeginn der Menschheit, daß Kriege
im Namen des Glaubens geführt worden sind. Und das sollte
nicht so sein, der Glauben soll helfen und stützen,
was er in dem Moment ja nicht tut, er unterdrückt ja
nur und das ist wohl die falsche Auffassung. Wir sind da
sehr für eine liberale Glaubensauffassung, jeder kann
das so handhaben wie er will, aber niemandem dabei seinen
Glauben aufzwingen, schon gar nicht gewaltsam."
Was wohl auch nicht so ganz das Ziel der Anschläge vom
11.September gewesen sein dürfte... In diesem Zusammenhang
muß man schon in einem Atemzug die Medien nennen, die
auch alles andere als unmaßgeblich für unsere
tägliche Meinungsbildung sind, wie auch in "Shadowland",
einem weiteren neuen Song auf "Metus Mortis", die
Macht der Medien kritisiert wird.
"Was die Medien angeht, ist es wohl immer so, daß
es natürlich in jedem Land, aus dem der Sender kommt,
eine individuelle Sichtweise der Dinge geschildert wird,
ein stückweit Propaganda ist da ja auf jeden Fall immer
dabei. Die volle Wahrheit werden wir sowieso nie erfahren,
höchstens wieder 50 Jahre später, wenn die Akten
für die Allgemeinheit geöffnet werden. Das die
beiden Türme nicht mehr stehen, daran führt kein
Weg vorbei, aber was wirklich alles dahintersteckt, was zur
Zeit gerade passiert und auch was in Zukunft noch unternommen
wird".
Die Frage ist, wie wir mit diesen Informationen umgehen.
Die Medien dosieren täglich ihre Meldungen und kontrollieren
ganz gezielt unsere Denkweise, mittlerweile sind wir aber
schon wieder längst an einem Punkt angelangt, wo die
Menschen aus ihrer anfänglichen Gelähmtheit in
ihre alltägliche Lethargie zurückgefallen sind
und es kursieren inzwischen etliche Bin Laden-Witze, was
doch unsere perverse Natur nur wieder reflektiert.
"Richtig", stimmt mir Torsten zu,"aber
Du kannst Dich in der heutigen Zeit nicht mehr den Medien
entziehen, da müßtest Du schon in eine einsame
Berghütte ziehen Jetzt kommt es auf den einzelnen an,
inwiefern er sich davon lenken läßt. Zum einen
sind die Menschen sehr leidensfähig, auf der anderen
Seite können sie auch sehr schnell wieder vergessen,
was in den meisten Fällen auch ganz gut so ist, um mit
Schmerz besser umgehen zu können." Bleibt dabei
nur die Frage offen, ob Verdrängung wirklich die richtige
Lösung für dieses Problem ist. "Wir müssen
uns in der Zukunft natürlich mehr Gedanken machen, aber
auf irgendeinem Weg müssen wir eben diese Geschehnisse
verarbeiten. Aber stell Dir vor, die würden den Bin
Laden nächste Woche fassen und ein paar von seinen Handlangern,
dann wäre dieses Thema auch irgendwann vom Tisch. So
krass wie sich das auch anhören mag. Aber wie war es
mit Tschernobyl ´86? Damals hat man auch von nix anderem
mehr gesprochen. Für Leute, die 10 Jahre jünger
sind als wir, ist das heute auch nur noch etwas, was man
sich halt im Geschichtsunterricht merken muß und ich
glaube, mit dieser Geschichte hier wird es sich in ein paar
Jahren auch nicht anders verhalten!"
Hoffen wir mal, daß sich diese Worte irgendwann bewahrheiten
werden...
Harald Deschler
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